NS-Volksgemeinschaft

NS-Volksgemeinschaft

Geschichte lernen | Ausgabe Nr. 180/2017

Die historische Forschung hat sich in den letzten Jahren verstärkt mit der Gesellschaft im Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Dies führte zu neuen Analyse- und Erklärungsansätzen rund um den Begriff der „Volksgemeinschaft“. Im Geschichtsunterricht spielen diese Konzepte und Forschungen nur eine geringe Rolle. Das Heft greift daher die neuen Perspektiven auf und bietet erprobte Unterrichtsmaterialien, die einen vielschichtigen Blick auf den Alltag im Nationalsozialismus erlauben.

Inhaltsverzeichnis
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Das Erlebnis der Volksgemeinschaft war zu einem hohen Grad ein Gefühlszustand. Propagandistische Inszenierungen von Gleichheit und Gemeinschaft in Form von Ritualen und Veranstaltungen spielten dabei eine wichtige Rolle, wie zum Beispiel bei den Reichsparteitagen in Nürnberg (hier aus dem Jahre 1937).
Die deutsche Gesellschaft im Nationalsozialismus Basisartikel: Leben in der Volksgemeinschaft
Kennzeichnung Geschichte lernen Schuljahr 5-13

Heft-Herausgeber Steffen Barth wirft in seinem Basisbeitrag zum Thema "NS-Volksgemeinschaft" einen zusammenfassenden Blick auf den Stand der fachwissenschaftlichen Forschung und skizziert aktuelle Tendenzen in Unterricht, Lehrplänen, Schulgeschichtsbüchern und Geschichtskultur. Dabei verknüpft er Überlegungen zu Chancen und Problemen einer Analyse der Gesellschaft im "Dritten Reich" mit didaktischen Perspektiven und einer Einordnung der Beiträge in den unterrichtlichen Kontext.

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Auf einem Tisch steht eine Schreibmaschine und daneben liegen ein Buch und eine Brille
Unkritische Erinnerung an die alltägliche Erfahrung in der Volksgemeinschaft Volksrasierer, Volksempfänger, Volk und Gemeinschaft
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 9-10

Durch eine kritische Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Nutzung des „Volk“ / „Volksgemeinschafts“-Begriffs begreifen Schülerinnen und Schüler in einer Quellenarbeit mit Plakaten die historische Dimension von Begriffsbildungen. Sie lernen dabei die zentralen Elemente von „Volksgemeinschaft“ zwischen 1933 und 1945 kennen. (Methodenkompetenz/Orientierungskompetenz; Doppelstunde)

© Archiv der Stiftung Liebenau
Abb. 1: Die Opfer der NS-„Euthanasie“ wurden mit Bussen in die Gasmord-Anstalten gebracht, hier Patienten aus der Heil- und Pflegeanstalt Liebenau im August 1940.
Die „Euthanasie“-Morde im inklusiven Geschichtsunterricht Exklusion aus der Volksgemeinschaft
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-10

In der nationalsozialistischen Rassen­ideologie war klar definiert, wer zur „Volksgemeinschaft“ gehörte und wer als „gemeinschaftsfremd“ ausgeschlossen und verfolgt wurde. Zu letzterer Gruppe gehörten Menschen mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen. Aber warum kam es zum Massenmord an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen? Der Unterrichtsvorschlag für die Jahrgänge 9/10 der Sekundarstufe I versucht, diese Frage zu beantworten und zielt dabei speziell auf den inklusiven Geschichtsunterricht ab. (Narrative Kompetenz, Orientierungs-, Sach- und Werturteilskompetenz; 4 bis 5 Stunden)

© Stadtarchiv Nürnberg, E39, 1747/17–20
Öffentliche Demütigung als Ausgrenzungsmaßnahme – diese Aufnahme eines „Rasseschande-Umzugs“ 1935 in Gelsenkirchen zeigt, wie viele Menschen bei einem solchen „Ereignis“ als Beobachter mitmachten. Mehr zu diesem Umzug in Material 2.
NS-Antisemitismus und Volksgemeinschaft Gemeinschaft durch Ausgrenzung?
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 10-13

Ausgehend von einem Beispiel antijüdischer Ausgrenzung („Rassenschande“) analysieren und beurteilen die Lernenden mithilfe eines komplexen Aufgabensets Elemente und Folgen des NS-Antisemitismus für Vergemeinschaftungsprozesse innerhalb der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft in der Vorkriegsphase. Die Unterrichtssequenz endet mit einer historisch informierten Reflexion über die Bedeutung von Ausgrenzung in gegenwärtigen Vergemeinschaftungsprozessen. (Wahrnehmungs-, Analyse-, Urteils- und Orientierungskompetenz; 4 Unterrichtsstunden)

© imago/Arkivi
Für die Nationalsozialisten waren Lager der geeignete Ort zur weltanschaulichen Schulung und Erziehung der „Volksgenossen“. Oft lagen sie idyllisch in der Natur, ein Fahnenmast gehörte zur Grundausstattung. Die Aufnahme zeigt ein Lager für weibliche Jugend des Reichsarbeitsdienstes bei Neusalza-Spremberg (Sachsen) im Jahr 1939.
Die Inszenierung von Volksgemeinschaft in nationalsozialistischen Gefolgschafts- und Schulungslagern „Ein verkleinertes Modell“
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 7-13

Neben Konzentrations- und Vernichtungslagern errichteten die Nationalsozialisten auch sogenannte Schulungs- und Gefolgschaftslager. Dort wurden zwischen 1933 und 1945 Parteimitglieder, Angehörige der Gliederungen und angeschlossenen Verbänden der NSDAP sowie ausgesuchte Zivilisten – beispielsweise angehende Juristen, Mediziner und Lehrer – „weltanschaulich geschult“ und „ausgerichtet“. Der Beitrag versucht, das Phänomen „Schulungs- und Gefolgschaftslager“ durch partei-eigene Quellen, Erlebnis- und Erfahrungsberichte greifbar zu machen. Dabei steht die Frage nach den Wirkungen dieser Schulungen im Vordergrund. (Gattungs- und Interpretationskompetenz; 2 bis 3 Unterrichtsstunden)

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Abb. 1: „Adolf Hitler am 23. September 1933 beim ersten Spatenstich zum Reichsautobahnbau der Strecke Frankfurt/Main – Darmstadt-Mannheim, als Mittel zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Hinter Hitler Gauleiter Jakob Sprenger, NSKK-Korpsführer Adolf Hühnlein und der Generalinspekteur für das deutsche Straßenwesen Ing. Fritz Todt.“ (Original-Text des Scherl Bilderdienst & Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes, Fotograf unbekannt)
Eine infrastrukturelle Konstruktion der Volksgemeinschaft Die Reichsautobahn
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 7-10

Oft entsteht bei Schülerinnen und Schülern der Eindruck, dass es sich bei der deutschen Gesellschaft der 1930er-Jahre um eine ähnlich moderne wie die heutige gehandelt habe. Das führt zu einer Überschätzung der wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten. So hatte der Autobahnbau für die meisten Deutschen keinen praktischen Nutzen. Gleichwohl gelten Autobahnen bis heute als infrastrukturelle Großtat, die mit der Beseitigung von Arbeitslosigkeit in Zusammenhang gebracht wird. Der Clou der Stunde besteht darin, dass nicht – wie üblich – die klassischen Behauptungen zum Autobahnbau widerlegt werden sollen. Stattdessen geht dieser Entwurf bereits von den widerlegten Mythen aus und fragt stattdessen, was denn nun der Grund für den Bau der Autobahnen gewesen sein könnte, wenn die üblichen Erklärungen erwiesenermaßen nicht stimmen. (Analysekompetenz,Sachurteilskompetenz; Doppelstunde)

© Bundesarchiv, Plak 003-002-029
Plakat mit einem Zitat aus der Hitler-Rede vom 30. Januar 1939. Als Parole der Deutschen Arbeitsfront (DAF) – September 1939 – und als Farb-Schmuckblatt „Wochenspruch der NSDAP“ – 7. bis 13. September 1941 – hing diese „Prophezeiung“ prominent in zehntausenden Schalterhallen, Amtsstuben, Betrieben und Büros.
Die deutsche Gesellschaft und der Holocaust „Davon haben wir nichts gewusst!“
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 7-13

„Davon haben wir nichts gewusst!“, hieß es nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die meisten Deutschen stritten gegenüber den alliierten Besatzern vehement und pauschal ab, etwas von der Ermordung der Juden Europas in Erfahrung gebracht zu haben. Die NS-Historiographie hat mittlerweile nachdrücklich die Legende von der Ahnungslosigkeit widerlegt. Der Beitrag zeigt: Wer wollte, konnte sich die Wahrheit über den Holocaust aus verschiedenen Informationsquellen erschließen. (Analysekompetenz; 2 bis 3 Unterrichtsstunden)

© ZDF-Enterprise
Die fünf Hauptfiguren aus dem Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ – hier zu sehen auf einem Abschiedsfoto, bevor sich ihre Wege trennen. Wie repräsentativ ist diese Gruppe junger Menschen für eine Generation, die in der „Volksgemeinschaft“ aufwuchs?
Eine Analyse der Darstellung der NS-Volksgemeinschaft im Spielfilm-Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter?
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 12-13

Der Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (2013) erzählt die Geschichte von fünf Freunden, die ab 1941 auf unterschiedliche Weise in die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs verwickelt sind. Die Produzenten des Dokudramas wollten die Generationen über die Erfahrungen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg ins Gespräch bringen. Zudem sollten die Hauptfiguren eine Identifikationsmöglichkeit für die Jugend der Gegenwart bieten. Der Beitrag setzt sich auf mehreren Ebenen mit dem Film auseinander. Dabei zeigt sich, dass die Konstellation und die ausgewählten Personen eher untypisch sind. (Analysekompetenz, Urteilskompetenz; 4 bis 5 Unterrichtsstunden)

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Aus Holz geschnitzte Buchstaben ergeben gelegtes Wort History
Die NS-Volksgemeinschaftsidee als Thema in der Jugendliteratur / Zwei Freundinnen und ihre Erfahrungen mit der NS-Volksgemeinschaft Jugendbuch-Rezension und Unterrichtstipp
Kennzeichnung Geschichte lernen Methode & Didaktik Schuljahr 5-13

In der Jugendliteratur, die gegenwärtig zum Thema Nationalsozialismus den Buchmarkt prägt, lässt sich das Thema „NS-Volksgemeinschaft“ in zwei Facetten beobachten.
Eine schon längere Tradition besitzen Texte, die die Opfer in den Mittelpunkt stellen. Die Rezensionen dieses Beitrags nehmen jedoch vor allem Romane in den Blick, die sich der Täterseite zuwenden. Beide Perspektiven fließen im Unterrichtstipp zusammen: Der Roman „Vaters Befehl oder Ein deutsches Mädel“ von Elisabeth Zöller erzählt von der Freundschaft zwischen Paula und der Jüdin Mathilda in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Paula ist in der NS-Mädelschaft engagiert und eigentlich parteitreu. Doch das Schicksal ihrer verfolgten Freundin Mathilda lässt sie immer stärker an der Volksgemeinschaft zweifeln.