Nachkriegsordnungen 1918 – 1923

Nachkriegsordnungen 1918 – 1923

Geschichte lernen | Ausgabe Nr. 186/2018

Gewalt und Krieg prägen auch 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs das Weltgeschehen. Vor diesem Hintergrund ist die Be­handlung der Nachkriegsordnungen im Ge­schichtsunterricht wichtiger denn je, und zwar aus zwei Gründen. Erstens sind „Versailles“ und die zahlreichen weite­ren Abkommen die „Mutter aller Nach­kriegsordnungen“, vergleichbar wohl nur noch mit dem Westfälischen Frieden. Die Erfahrungen des fragilen Friedens nach 1918 bildeten auch den Hintergrund für die Nachkriegsordnung seit 1945. Zweitens sind viele der heu­tigen Konflikte in Europa, Asien und Afrika eine Folge der schwierigen Neu­ordnung nach dem Ersten Weltkrieg. Geschichte und Gegenwart hängen bei diesem Thema eng zusammen.

Inhaltsverzeichnis
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Auch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges prägten kriegerische Auseinandersetzungen und Akteure mit Gewalterfahrungen Europa. Aus deutscher Sicht sind hier zum Beispiel die zahlreichen innenpolitischen Spannungen und bewaffneten Kämpfe zu Beginn der Weimarer Republik zu nennen. Bei der zeitgenössischen Illustration handelt es sich um eine Rotogravur (einen Tiefdruck) der New York Times aus dem Jahre 1919. Der Druck zeigt – martialisch inszeniert – die Erstürmung des von Kommunisten besetzten Berliner Polizei-Hauptquartiers am Alexanderplatz durch Truppen und Freikorps am 12. Januar 1919 im Zuge des Spartakus-Aufstandes.
Ordnungsvorstellungen und Ordnungsversuche 1918?–?1923 Zwischen Krieg und Frieden
Kennzeichnung Geschichte lernen Schuljahr 5-13

2018 jährte sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Doch schon lange dient 1918 in Europa als Chiffre, um ein ganzes Zeitalter zu beschreiben. Schließlich war das Kriegsende zugleich der Beginn einer neuen Epoche, die in der Forschung nur noch selten als „Zwischenkriegszeit“, sondern eher als neuer „Dreißigjähriger Krieg“, als „Europäischer Bürgerkrieg“ oder als „Zeitalter der Extreme“ apostrophiert wird. Der Basisbeitrag führt umfassend in das Thema ein und zeigt fachwissenschaftliche und fachdidaktische Positionen und Potenziale auf.

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US-Präsident Woodrow Wilson unterzeichnet den Versailler Vertrag bei der Friedenskonferenz im Juni 1919.
Urteile von Zeitgenossen und Historikern zum Versailler Friedensvertrag von 1919 Ein karthagischer Frieden?
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 10-13

Fast 100 Jahre nach seiner Unterzeichnung am 28. Juni 1919 ist der Versailler Vertrag unter verschiedenen Gesichtspunkten kontrovers beurteilt worden – sowohl aus zeitgenössischer Perspektive als auch später von Historikern und Historikerinnen. Als „Diktatfrieden“ von den Revisionisten und einer breiten deutschen Öffentlichkeit bezeichnet, zeigte sich auf Seiten der Sieger beispielsweise John Maynard Keynes besorgt, dass ein „Karthago-Frieden“ nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa an einer wirtschaftlichen und moralischen Erholung enorm hindern werde. Der Beitrag bietet einen systematischen Vergleich von damaligen und heutigen Urteilen zum Versailler Vertrag (Dekonstruktions- und Sachurteilskompetenz).

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Eine zeitgenössische Bild-Berichterstattung der patriotisch gesinnten illustrierten Zeitschrift „Leslie‘s Weekly“ aus den USA.
Fundament für eine stabile Friedensordnung? Eine Analyse zeitgenössischer Zeitungsberichte Der Versailler Vertrag
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 10-13

Über die Unterzeichnung des Versailler Vertrages wurde vielfältig in der Weltpresse berichtet. Die Frage, inwiefern er eine stabile Friedensordnung garantieren könne, wurde kontrovers diskutiert. Somit bietet die Auseinandersetzung mit Zeitungsartikeln aus verschiedenen Ländern die Möglichkeit, multiperspektivisch zeitgenössische Sichtweisen auf den Vertrag zu untersuchen. Der Beitrag ermöglicht dies und bietet zur Unterstützung über QR-Codes abrufbare zusätzliche Online-Materialien (Analyse-, Sachurteilskompenz). 

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Abb. 1: Junge Freiwillige in einem Freikorps-Werbebüro in Berlin 1918/19.
Gewalterfahrungen und ihre literarische Verarbeitung anhand der Erinnerungen des Freikorps-Kämpfers Ernst von Salomon Krieg im Nachkrieg?
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 5-13

In der Gründungsphase der Weimarer Republik war Gewalt allgegenwärtig. Sie entstand im Zuge des Bürgerkrieges, als der neue Staat hart durchgreifen wollte, um seine Macht zu legitimieren. Die sozialdemokratische Revolution wurde durch Sozialdemokraten beendet, die sich der Freikorps als Mittel bedienten – (linksextreme) Gewalt wurde mit (rechtsextremer) Gewalt bekämpft. Der Beitrag ermöglicht eine exemplarische biographische Arbeit zu einem Freikorpskämpfer und dessen Motiven, Sichtweisen und Rechtfertigungen. Er greift dabei auf die literarisch verfassten Erinnerungen Ernst von Salamons zurück. Den Schülerinnen und Schülern steht zudem ein Analyseraster zur Verfügung. So kann die Gewalterfahrung von Salomons anhand von kontextualisierten Romanausschnitte erarbeitet werden (Analyse-,Dekonstruktions-, Sachurteils- und Werturteilskompetenz).

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Mit Sonderzügen fuhren die Wähler von Berlin aus zur Abstimmung am 20. März 1921.
„Heiligstes Recht der Völker“ – oder Vertiefung alter Feindschaften? Die Volksabstimmungen 1920
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 5-13

Als Deutschland den Versailler Vertrag unterzeichnete, musste es Volksabstimmungen in verschiedenen Regionen akzeptieren: in Nordschleswig, Ost- und Westpreußen (Allenstein, Marienwerder) und Oberschlesien in den Jahren 1920/21 sowie im Saarland nach 15 Jahren. Die einsetzende Wahlpropaganda für diese entscheidenden Abstimmungen untersucht der Beitrag im Spiegel der Wahlplakate multiperspektivisch und gibt den Schülerinnen und Schülern dafür auch ein Analyseraster an die Hand (Gattungs-, Analyse- und Sachurteilskompetenz).

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Am Rheinufer bei Bingen knüpften Schiffer um 1920 symbolisch den „Letzten Utscheböbbes“ auf. So bezeichneten die Rheinländer französische Soldaten afrikanischer Herkunft.
Besatzung und rassistische Propaganda nach dem Ersten Weltkrieg Nachkriegs(un)ordnung?
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 10-13

Anhand des Beispiels der Besetzung der preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen nach dem Ersten Weltkrieg zeigt der Beitrag die Instrumentalisierung von Rassismus für politische Propaganda und deren Auswirkungen auf die Betroffenen auf. Dies erfolgt mithilfe einer Analyse von Karikaturen und ­Ego-Dokumenten im Vergleich (Analyse- und Sachurteilskompetenz).

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Abb.1: Auf diesem Dokument teilten die britischen und französischen Gesandten den Nahen Osten unter sich auf. Mark Sykes und François Georges-Picot unterzeichneten am 8. Mai 1916 die nach ihnen benannte Vereinbarung und prägten damit eine ganze Region per Federstrich.
Das Sykes-Picot-Abkommen und seine Folgen „Eine Linie im Sand“
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 5-13

Das Sykes-Picot-Abkommen prägt den Nahen Osten bis heute. Die Aufteilung der Region zwischen den Großmächten Frankreich und Großbritannien nahm wenig Rücksicht auf die Bevölkerung und diente vor allem imperialen Interessen. Der Beitrag von Jürgen Möller führt anhand von Karten- und Quellenarbeit in die Thematik ein und regt Urteile über Entstehung und Folgen des Sykes-Picot-Vertrags für die arabische Welt bis in unsere heutige Zeit hinein an. So werden Zielsetzungen und Formen imperialistischer Politik im Nahen Osten im Kontext des Ersten Weltkrieges und deren kurz- und langfristige Folgen sichtbar (Analyse, Sachurteils- und Werturteilskompetenz).

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Auf einem Tisch steht eine Schreibmaschine und daneben liegen ein Buch und eine Brille
Nachkriegs(un)ordnung in der erzählenden Literatur „Wir leben eben in schweren Zeiten“
Kennzeichnung Geschichte lernen Schuljahr 5-13

Wie sollte es nach dem Ersten Weltkrieg weitergehen? Viele hofften auf einen Neuanfang im Zeichen von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit. Doch was genau unternommen werden sollte, darüber war man sich keineswegs einig. Wie sich die Nachkriegswirren auf das Leben und Denken der Zeitgenossen auswirkten, können die in der Jugendbuchrezension vorgestellten literarischen Texte eindrücklich verdeutlichen.