Leben im Kaiserreich

Leben im Kaiserreich

Geschichte lernen | Ausgabe Nr. 195/2020

Das Deutsche Kaiserreich war lange Zeit als erster deutscher Nationalstaat ein zentraler Bezugspunkt nationaler Identitätsdebatten – in (positiver) Anknüpfung wie (negativer) Abgrenzung. Mit zunehmender zeitlicher Distanz und mit den Entwicklungen des 20. Jahrhunderts, vor allem der NS-Zeit und dem Holocaust, hat sich dies allmählich geändert. Ist das Kaiserreich damit eine „normale“ Epoche wie andere auch geworden? Das vorliegende Heft soll Hilfestellungen dafür bieten, sich der Vielfalt und Dynamik dieser Epoche im Unterricht zu widmen und an Fallbeispielen das Leben im Kaiserreich zu rekonstruieren.

Inhaltsverzeichnis
Q–1a: © imago images/United Archives
Q1a Die Biene Maja aus der Zeichentrickserie der 1970er-Jahre.
Spannende Abenteuergeschichte oder Propagandaschrift? Biene Maja
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 8-10

Handelt es sich bei Waldemar Bonsels Roman Die Biene Maja und ihre Abenteuer um eine harmlose Abenteuergeschichte oder aber um eine Propagandaschrift, die Kinder und Jugendliche auf den Krieg vorbereiten und entsprechende Haltungen und Werte vermitteln wollte? Dieser Beantwortung dieser Frage steht im Zentrum des Beitrags von Thomas Mayer. Der Roman dient dabei als Beispiel für die Kinder- und Jugendliteratur des Kaiserreichs, in der das Militär und die Verherrlichung des Krieges oft im Mittelpunkt standen. Die Lernenden gehen gemeinsam der Frage nach dem Charakter des Romans nach, arbeiten anschließend in Gruppen- bzw. Einzelarbeit aus einigen Romanauszügen unterschiedliche Werte und Aspekte heraus und ordnen diese in den historischen Kontext des deutschen Kaiserreichs ein. Eine Sprinteraufgabe sowie eine weniger komplexe Textquelle bieten dabei auch die Möglichkeit zur Binnendifferenzierung.

Abb.:© Sergii Figurnyi/stock.adobe.com
Abb.: Die Südfront des Neuen Rathauses Hannover am Maschpark (aktuelle Aufnahme).
Ein bürgerlicher Monumentalbau Das Neue Rathaus Hannover
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (< 2 Std.) Schuljahr 8-10

Im Unterrichtsvorschlag von Tomas Unglaube befassen sich die Schülerinnen und Schüler am Beispiel des Neuen Rathauses Hannover mit dem politischen und ideologischen Charakter von Architektur und werden befähigt auch zeitgenössische Rathausbauten im Hinblick auf das ihnen zugrunde liegende Bauprogramm kritisch zu untersuchen. Die Lernenden beschreiben ihren Eindruck vom Rathaus, erarbeiten anschließend die Motive und Ursachen für den Rathausbau und erkennen und problematisieren so die diesem Bauprogramm zugrunde liegenden Werte. Abschließend erkennen und beurteilen die Schülerinnen und Schüler anhand der multiperspektivischen Analyse eines Fotos der Zentralhalle und der Erläuterungen zur Kommunalverfassung die Interessengebundenheit der Rathausarchitektur.

Abb.: © akg-images
Abb.: Heil dir im Siegerkranz als Liebigbild. Beigefügt wurden diese beliebten Sammelbildchen den Packungen von Liebig-Fleisch-Extract, 1899.
Identitätspolitik und Identitätsprobleme im Kaiserreich am Beispiel der Variationen des Liedes Heil dir im Siegerkranz Ein Reich, viele Lieder?
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 8-10

Der Beitrag von Michael Kolbenschlag befasst sich mit Identitätskonflikten und -konkurrenzen im Kaiserreich, die anhand des Liedes Heil dir im Siegerkranz und dreier regionaler Umdichtungen (auf die Länder Bayern, Sachsen, Württemberg) dargestellt und verdeutlicht werden. Als Bestandteil eines multiperspektivischen Quellenarrangements können die Lieder effektiv im Unterricht eingesetzt werden. Die Lernenden erarbeiten sich mittels einem induktiven, quellenbasierten Zugriff die Analyse der Liedvariationen. Sie analysieren die preußische Ursprungsversion des Liedes sowie die verschiedenen Liedvariationen und erschließen deren Stimmung, Inhalt und Funktion. In einem Sachurteil sollen die Lernenden den föderativen Charakter des Reichs als Herausforderung für die Identitätsbildung benennen und auch die Identitätskonflikte im Kaiserreich, die Parzellierung von Identität, die in den verschiedenen Versionen des Liedes manifest wird, hervorheben.

Abb.–1: Bundesarchiv, Bild 183-R30019 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0
Abb.1: Carl Peters auf einer Fotografie mit Gewehr, Pistole und in für Kolonialisten typischer Kleidung, ca. 1893/1900.
Wahrnehmung und Wirkung des Kolonialismus in der Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs Der Skandal um Carl Peters
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (< 2 Std.) Schuljahr 9-13

Der Beitrag von Christina Templin widmet sich der deutschen kolonialen Vergangenheit und dazu schlägt einen mikrogeschichtlichen Blick auf den kolonialen Akteur Carl Peters und den um ihn entfachten Skandal vor. Die Lernenden sollen die im Kolonialskandal um Peters mit Blick auf Kolonialisten und Kolonisierten aufgebrachten Deutungsmuster erarbeiten, die Auswirkung des Skandals auf die Wahrnehmung und Wirkung des kolonialen Projekts in der deutschen Gesellschaft beurteilen und abschließend  das Handeln deutscher Kolonialisten vor dem Hintergrund aktueller Debatten bewerten.

Abb.: © INTERFOTO / Sammlung Rauch
Abb.: Illustration zu Friedrich Eduard Bilz‘ Buch Der Zukunftsstaat. Staatseinrichtung im Jahre 2000, von 1904.
Zeitgenössische Wahrnehmungen der Lebenswelt im Spannungsfeld zwischen Zivilisationskritik und Fortschrittsoptimismus „Wo aber der Fortschrittsmensch die Herrschaft antrat ...“
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 11-13

Tiefgreifende Veränderungen auf technischer, ökologischer und sozialer Ebene als Folge der Hochindustrialisierung sind unverkennbare Kennzeichen des Wilhelminischen Kaiserreiches. Die einhergehende Modernisierung und Urbanisierung beeinflusste die Lebenswelt und das Bewusstsein ihrer Zeitgenossen auf verschiedenste Art und Weise. Der Beitrag von Matthias Blom widmet sich den im Geflecht dieser Bedingungen entstandenen, verschiedenen Gegenentwürfen, die sich unter dem Begriff der Lebensreform zusammenfassen lassen. Neben dem Kompetenzerwerb auf Sachebene fokussiert die Unterrichtseinheit die Anbahnung einer differenzierten Urteilskompetenz. Die Lernenden arbeiten dazu die Gegensätze zwischen Fortschrittsoptimismus und Zivilisationskritik aus zeitgenössischen Texten heraus, ordnen die jeweiligen Autoren gemäß ihrer Position auf einer Fortschrittsskala ein und stellen ihre Ergebnisse abschließend im Plenum vor.

Abb.:–© Miriam Grabarits
Abb.: Grafische Visualisierung der thematischen Zusammenhänge – auch als begleitende Lernaufgabe (bspw. Erstellen einer Concept-Map) für Schülerinnen und Schüler denkbar.
Wegbereiter der Emanzipation der Frauen? Das Fahrrad
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (< 2 Std.) Schuljahr 11-13

Kann das Fahrrad als Wegbereiter der Emanzipation der Frauen gesehen werden? Dieser Frage geht der Unterrichtsvorschlag von Miriam Grabarits nach. Anhand unterschiedlichen Bild- und Textquellen kann der dialektische Zeitgeist, der zwischen antiquierten und modernen Ansichten zu Rad fahrenden Frauen hin- und hergerissen ist,  verdeutlicht werden. Die Lernenden schulen so ihre Fähigkeit des Perspektivwechsels sowie das Bilden eines eigenen Sachurteils, das sie denen von Historikerinnen und Historikern gegenüberstellen und diskutieren. Darüber hinaus kann auf (fach-)methodischer Ebene über die Arbeit mit digitalisierten Quellenbeständen in ausgewählten Online-Datenbanken die Recherchefähigkeit der Lernenden gefördert sowie ein Bewusstsein für den historischen Arbeits- und Erkenntnisprozess geschaffen werden.

© picture alliance/Mary Evans Picture Library
Q1: Die Karikatur „The Head of the German Vam-Pire“ von E. T. Reed erschien am 30.09.1914 im britischen Boulevardmagazin The Bystander.
Urteilsbildung anhand von Historikerkontroversen Wilhelm II. – der Untergang des deutschen Kaiserreiches?
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 1-13

Kaiser Wilhelm II. polarisierte nicht nur in der Beurteilung durch seine Zeitgenossen, sondern auch in der aktuellen historischen Forschung. Umso wichtiger erscheint es, dass Schülerinnen und Schüler der Sek. II sich in der Dekonstruktion historischer Darstellungen schulen, Urteilskompetenz entwickeln und somit zu einer mündigen Teilhabe an der Geschichtskultur befähigt werden. Ausgehend von internationalen multiperspektivischen Quellen zur zeitgenössischen Wahrnehmung Kaiser Wilhelms II. vor und nach Kriegsende wird die notwendige Problemfrage hergeleitet: Inwiefern trägt Wilhelm II. die Verantwortung für den Untergang des Deutschen Kaiserreiches? Anschließend erschließen sich die Lernenden in Gruppen anhand von Textauszüge die Argumente und Argumentationsweisen zweier Historiker und diskutieren differenziert über Wilhelms II. Rolle im Untergang des Kaiserreichs.

© 2015 by Gabriele Beyerlein, Darmstadt
Gabriele Beyerlein: Es war in Berlin. Neuausgabe Edition Gegenwind 2015, 16,99€. (E-Book von neobooks oder als Kindle-Ausgabe 6,99€.)
Jugendromane über den Alltag im Kaiserreich „Es gibt kein Leben ohne Liebesgeschichte“
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (< 45 Min) Schuljahr 1-13

Monika Rox-Helmer stellt in ihrer Rezension vier Jugendromane über den Alltag im deutschen Kaiserreich vor. In Es war in Berlin (Gabriele Beyerlein), Die Wildnis in mir (Gina Mayer), Im Spinnennetz (Klaus Kordon) und in Das unsichtbare Siegel (Rainer M. Schröder) steht, nicht nur, die Liebe im Mittelpunkt. Das Thema bietet viel didaktisches Potenzial, die Andersartigkeit vergangenen Alltagslebens zu verdeutlichen. Liebesgeschichten, die im Kaiserreich spielen, können bspw. zeigen, welche Liebesbeziehungen möglich, nur unter Schwierigkeiten möglich oder gar nicht möglich sind, und damit tiefe Einblicke in die Gesellschaft der Zeit geben. Heutige Leserinnen und Leser werden den historischen Alltag und die Umgangsweisen zwischen den unterschiedlichen Gruppen, wie sie in den hier rezensierten Romanen als normal für die Zeit geschildert werden, als diskriminierend, sexistisch oder sogar rassistisch charakterisieren. Das kann didaktisch wertvolle historische Fragen aufwerfen, die zu weiteren Recherchen anregen.

 

© Thomas Reimer/stock.adobe.com
Ein Graffito an einer Hauswand: Zukunft und Vergangenheit zeigen in entgegengesetzte Richtungen
Über die politische Dimension der Geschichtswissenschaft am Beispiel Migration Clios Zwiespalt
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 12-13

Im Zentrum von Gerrit Dworoks Forums Beitrag steht die Auseinandersetzung um die im Anschluss an den Historikertag 2018 in Münster verabschiedetete „Resolution des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie“. Die Debatte stellt ein lebendiges Beispiel für Streit unter Historikerinnen und Historikern dar – eine konkrete Anschauung dessen, was sich sonst sehr abstrakt hinter fachlichen oder didaktischen Termini verbirgt. Zielsetzung der vorgeschlagenen Vertiefungseinheit ist die Entwicklung der Lernenden vor allem auf den Ebenen der Methoden-, Orientierungs- und Sachkompetenz. Die Lernenden analysieren dazu eine Karikatur, sowie Auszüge aus der Resolution. Sie recherchieren und lesen Beiträge aus der Tagespresse, die im Nachgang des Historikertages erschienen sind und arbeiten die unterschiedlichen Positionen heraus.

© imago images / Pacific Press Agency
Zum Untergang Pompejis und zur Reorganisation historischen Wissens August oder Oktober?
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 6-9

Wann ist Pompeji untergegangen, im August, wie bis vor einigen Jahren angenommen oder doch erst im Oktober 75 n. Chr., wie kürzlich gemachte Entdeckungen vermuten lassen? Anhand dieser Datierungsfrage sollen Schülerinnen und Schüler die Genese und Reorganisation historischen Wissens exemplarisch nachvollziehen und erläutern. Dazu setzen sie sich kritisch mit Darstellungen auseinander und lernen somit auch den Konstruktcharakter von Geschichte kennen. Sie beurteilen also nicht nur die dargebotenen Informationen, sondern reflektieren zugleich die Entstehung historischen Wissens.