Inklusiver Geschichtsunterricht

Inklusiver Geschichtsunterricht

Geschichte lernen | Ausgabe Nr. 190/2019

Unterschiedliche Lernniveaus von Lernenden gehören zum Alltag des Schulunterrichts. Das gemeinsame Aufwachsen und Lernen von Schülerinnen und Schüler mit und ohne Förderbedarf bietet vielerlei Chancen: Vielfalt und Inklusion können von ihnen so zunehmend als Normalfall wahrgenommen werden. Der inklusive Geschichtsunterricht etwa stellt die Geschichtsdidaktik jedoch auch vor die Herausforderung, Lernenden mit unterschiedlichem Förderbedarf gerecht zu werden. Die Beiträge im Heft bieten differenzierte, auf individuellen Förderbedarf abgestimmte Methoden sowie Materialien zur Planung inklusiven Unterrichts auf der Grundlage des Gemeinsamen Lernens.

Inhaltsverzeichnis
© Werner Otto / Alamy Stock Foto
Abb.1: Die Fotografie wurde während eines Schwimmkurses für Kinder mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung im Jahr 1971 in der Schule Alsbachtal in Oberhausen von einem unbekannten Fotografen aufgenommen.
Durch Übersetzen von Quellen zur gemeinsamen historischen Sinnbildung „Leichte Sprache.“
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 5-10

Durch das gemeinsame Übersetzen von Textquellen in „Leichte Sprache“ in möglichst heterogenen Kleingruppen, erschließen sich Lernende mit unterschiedlichem Förderbedarf gleichberechtigt Inhalt sowie Bedeutung der Quelle und diskutieren und beurteilen deren Aussage. Eine Einordnung in den historischen Kontext ist hier ebenso möglich wie die Betrachtung aus einer gegenwärtigen Perspektive. Die Schülerinnen und Schüler können sich so bewusst werden, dass die Quellenanalyse Rüstzeug der Geschichtswissenschaft ist, und dass die Interpretation zu Teilen auch immer die Perspektive des gegenwärtigen Betrachters widerspiegelt.

© dpa-Bildarchiv
Abb.1: Dieses Bild wurde am 4. November 1989 von einem unbekannten Fotografen in Ostberlin während der größten nicht staatlichen Demonstration mit über 500.000 Menschen aufgenommen.
Das Gruppenpuzzle im inklusiven Geschichtsunterricht. Wieso demonstrierten die Bürger der DDR 1989?
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 5-10

Mit einem Gruppenpuzzle zur Frage „Wieso demonstrierten die Bürger der DDR 1989?“ bietet Dirk Witt eine kooperative Lernform an, in der Schülerinnen und Schüler mit und ohne Förderbedarf mittels unterschiedlicher Lernmaterialien zur gleichen Leitfrage arbeiten. In vier Phasen arbeiten die Lernenden in leistungsheterogen zusammengesetzten Stammgruppen sowie in Expertengruppen gemäß ihres Lernniveaus (Experten-, Regel-, und Minimalniveau) mit Quellen unterschiedlichen Schweregrades und präsentieren, diskutieren und reflektieren das angeeignete Wissen und die Lernergebnisse abschließend im Klassenverband.

Zeichnung: Hendrik Kranenberg
Abb. 1 bietet ein Bild und eine Geschichte als möglichen Einstieg: Aus der Perspektive einer Familie der Oberschicht werden die Lernenden in ihrer Lebenswelt – Hausaufgaben versus Freizeit – abgeholt und können auf dieser Grundlage problemorientierte Fragestellungen entwickeln.
Eine gewöhnliche Familie? Die römische „familia"
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 5-10

Mittels des Beispiels der Struktur und Organisation der römischen „familia“ und ihrer Mitglieder gibt Simon Puschmann eine Idee für das Gemeinsame Lernen im inklusiven Geschichtsunterricht an die Hand, die es ermöglichen soll, Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf angemessen und zum Vorteil aller Lernenden zu integrieren. Durch die Kombination des Think-Pair-Share-Verfahrens und des Gruppenpuzzles arbeiten die Schülerinnen und Schüler hier ebenfalls gemäß ihres Lernniveaus und mittels darauf abgestimmter Materialien zum selben Thema. Die auf den individuellen Förderbedarf angepassten Materialien und Arbeitsaufträge erleichtern das eigenständige Bearbeiten. Durch die gezielte Auseinandersetzung mit einem Mitglied der „familia, werden die Lernenden mit Förderbedarf zudem zu „Experten“ für dieses Mitglied. Dies kann dazu motivieren Lernergebnisse in der Gruppe vorzutragen und gleichzeitig das Beschämungsrisiko senken.

© bpk
Die Karte wurde 1928 vom Kartographen Arnold Hillen Ziegfeld im Auftrag der Weimarer Regierung erstellt.
Am Beispiel einer historischen Karte zum Versailler Vertrag Eine binnendifferenzierte Quellenanalyse
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 5-10

In seinem Beitrag führt Jan Scheller aus, wie mittels der Analyse historischen Karten die Quelleninterpretation im Unterricht binnenqualifizierte geübt und die Fähigkeit zur Analyse von Quellen zur Beantwortung historischer Fragen gefördert werden kann. Die Binnendifferenzierung erfolgt dabei anhand von unterschiedlichen Aufgabenstellungen, während das Arbeitsmaterial und die zu behandelnde historische Frage gleich bleiben. Ziel ist es, dass alle Lernenden trotz unterschiedlichem Niveau der Aufgabenstellungen das Grobziel erreichen.

© akg-images / Sammlung Berliner Verlag / Archiv
Der Arbeitskräftemangel führte zu einem deutlichen Anstieg der Erwerbstätigkeit von Frauen, die während des Krieges viele „männertypische“ Berufe übernahmen, um den Kampf gegen Nahrungsmangel bestehen zu können. Diese Aufnahme wurde um 1917 aufgenommen, mit der Bildunterschrift „Neues Berliner Strassenbild zur Kriegszeit. Fensterputzerinnen bei der Ausführung ihres Berufes in Männerkleidung“.
Der Thementisch im inklusiven Geschichtsunterricht Wie erlebten die Menschen den Alltag im Ersten Weltkrieg?
Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 5-10

Am Beispiel „Alltagsleben im Ersten Weltkrieg “ erläutert Dirk Witt den Thementisch als geöffnete Methode im Geschichtsunterricht. Hier sollen sich Lernende eigenverantwortlich, gemäß ihrer eigenen Interessen und ihres eigenen Lerntempos mit einer historischen Frage befassen. Bereitgestelltes Lernmaterial wird von den Schülerinnen und Schülern gesichtet und auf den Nutzen bei der Beantwortung der historischen Frage hin überprüft.