Dirk Witt

Meine Geschichte ist aber anders

Kloster
Kloster , © Vahagn Grigoryan/Shutterstock.com.

Dirk Witt

Eigene Narrationen konstruieren und diskutieren

Schülerinnen und Schüler lernen mit dem Übergang aus der Grundschule in die Sekundarstufe in neuen Sachfächern, die aus dem Sachunterricht hervorgehen. Sie sind gespannt, neugierig und offen für das Neue und besitzen sehr unterschiedliche Präkonzepte, was sich hinter dem Fach Geschichte verbirgt (Witt 2012). Alle Schülerinnen und Schüler vermögen zu sagen, dass sich das Fach mit der Vergangenheit beschäftigt, wie aber daraus Geschichte wird, ist oftmals im Sachunterricht nicht erlernt worden.
Dieses Unterrichtsbeispiel soll aufzeigen, wie wesentliche Einsichten in den historischen Denkprozess im historischen Anfangsunterricht generiert werden können. Im Mittelpunkt stehen der individuelle Narrationsprozess und der gemeinschaftliche Aushandlungsprozess von Narrationen sowie der Umgang mit dem zentralen Medium der Textquelle. Beides sind wesentliche Aufgaben des Geschichtsunterrichtes (Schneider 1995). Das Unterrichtsbeispiel ist an kein unterrichtliches Thema gebunden und kann somit unabhängig und jederzeit im Anfangsunterricht erfolgen.
Didaktische Überlegungen
Schülerinnen und Schüler gewinnen wesentliche Einsichten in historische Denkprozesse, wenn sie in kleinen handlungsorientierten Projekten in die Rolle von Historikerinnen und Historikern schlüpfen (Witt 2012). Sie sollen in altersgemäßer Form erfahren, wie Geschichte entsteht und welche Schwierigkeiten und Probleme auftreten, wenn es darum geht, Vergangenheit zu rekonstruieren (Schneider 1995). Dazu setzen sich die Lernenden mit fiktiven Textquellen auseinander, um die Biografie eines Menschen zu rekonstruieren und daraus eine eigene Geschichte erzählen zu können. Anschließend werden die Narrationen im Klassenverband diskutiert und ausgehandelt, denn es können unterschiedliche Geschichten entstehen, da die Textquellenaussagen verschiedene Interpretationen zulassen. Dieser Aushandlungsprozess generiert Einsichten in den historischen Kon-struktionsprozess von Individuen und besitzt daher ein sehr hohes Lernpotenzial, wenn dieser reflektierend am Ende aufgegriffen wird (Witt 2017).
Lösungsmöglichkeiten
Lösungsmöglichkeiten
Daniel wird als Zwilling von Daniela 1356 geboren. Der Vater ist als Hufschmied tätig. Daniela verstirbt aber bereits im Alter von einem Jahr. 1363 brennt die Hufschmiede ab und die Familie geht aus Neustadt fort. Daniel geht 1363 in die Lehre bei einem Rüstungsschmied. In dieser Schmiede kommt es zu Ostern 1371 zu einem Brand. Gleichzeitig sind alle Münzen des Schmiedemeisters sowie Daniel verschwunden.
Ab jetzt können zwei verschiedene „Geschichten entstehen:
Daniel hat selbst die Münzen gestohlen. Er schließt sich einer Räuberbande an und zieht plündernd durch das Land. Er nennt sich nun Dan der Schreckliche und wird 1384 wiederholt gefangen genommen und zum Tode verurteilt.
Oder:
Daniel hat die Münzen nicht gestohlen, sondern Räuber, die ihn auch mitnahmen. Er muss bei ihnen leben, hilft aber einem Händler zur Flucht, als dieser überfallen wird. Die Räuberbande wird gefangen genommen und Daniel wird freigesprochen, weil er unschuldig ist (möglicherweise hat der Händler für ihn ausgesagt). Er muss in die Obhut eines Klosters. Von dort aus zieht Daniel mit dem Pfarrer Johannes durch die Lande. Auf dieser Reise vervollkommnet Daniel sein Schmiedehandwerk. Er lässt sich später in Lübeck nieder und wird Helmschmied. 1384 wird er Meister und heiratet ein Jahr später Sara.
Unterrichtsdramaturgie
Ausgangspunkt des Unterrichtsvorhabens ist die Frage, woher Historikerinnen und Historiker ihr Wissen über die Vergangenheit haben. Die Schülerinnen und Schüler sammeln hierzu ihr Vorwissen sowie ihre Vermutungen, welche die Lehrkraft schriftlich visualisiert sammelt. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird der Begriff ‚Textquelle in diesem Gespräch geäußert werden. Die Lehrkraft hebt diesen in der Sammlung besonders hervor und leitet zur Arbeitsphase über,...

Friedrich+ Geschichte

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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 193 / 2020

Geschichte – das neue Fach

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 5-6