Fabian Lippert

Geschichte in der Lebenswelt

Abb.2: Straßennamen im Wandel. Die Schilder zeigen sowohl den aktuellen als auch den historischen Namen einer Straße in Rodgau, Hessen.
Abb.2: Straßennamen im Wandel. Die Schilder zeigen sowohl den aktuellen als auch den historischen Namen einer Straße in Rodgau, Hessen., © Abb.2: Lippert

Fabian Lippert

Da gibt es ja noch etwas außerhalb der Schule

Als Auftakt dieses Beitrages soll eine Situation aus dem Geschichtsunterricht geschildert werden, die vielen Kolleginnen und Kollegen bekannt vorkommen könnte. Völlig losgelöst von den Inhalten des Unterrichts fragt plötzlich ein Lernender: „Das ist ja alles schön und gut aber Geschichte, was hat das nun mit mir zu tun? Selbstverständlich ist es schwierig, Lernenden der unteren Sekundarstufe zu verdeutlichen, dass Erfahrungen aus der Geschichte ihr gegenwärtiges und künftiges Handeln, ihr Selbstverständnis bestimmen. Vielmehr muss man sie daher dort abholen, wo sie der Geschichte tagtäglich sei es bewusst, sei es unbewusst begegnen: in ihrer unmittelbaren Lebenswelt. Und hier soll dieser Beitrag anknüpfen, der auf empirischen Untersuchungen und konkreten Erfahrungen mit Geschichtsstudierenden, insbesondere aber mit Lernenden der Sekundarstufe I basiert.
Untersuchungsgegenstand ist die Frage, wie das Aufmerksamwerden auf Geschichtskultur die Wahrnehmung von Geschichte in der Lebenswelt der Lernenden beeinflusst. Dabei soll dieser Beitrag als Plädoyer verstanden werden, der Geschichtskultur, trotz aller zeitlichen Beschränkungen eine Öffnung der Curricula findet ja zunehmend statt , den Rahmen zu gewähren, der ihr tatsächlich gebühren sollte. Letztlich münden die hier dargelegten Erkenntnisse in eine Thesenbildung, die konkrete Ansätze für den Einsatz von Geschichtskultur in den Geschichtsunterricht liefern sollen. Eine nähergehende Diskussion des Begriffs der Geschichtskultur soll an dieser Stelle vermieden werden (vgl. zum vertiefenden Diskurs die grundlegenden Ansätze von Pandel, Rüsen und Schönemann). Im Zuge der einfacheren Operationalisierbarkeit soll hier aber unter Geschichte in der Lebenswelt ein offenes Begriffsverständnis in Anlehnung an Schörken angesetzt werden, das all das unter Geschichtskultur subsumiert, was den Lernenden an Geschichte außerhalb des an der Wissenschaft orientierten Unterrichts begegnet (vgl. Schörken 1981, S.14f.).
Um die Wahrnehmung von Geschichtskultur nachvollziehen zu können, bediente sich die hier zugrunde liegende Untersuchung quantitativer und qualitativer Anteile. Die Probanden waren jeweils Geschichtsstudierende des ersten Semesters sowie Lernende einer sechsten Gymnasialklasse. Quantitativ waren die Anteile, um konstatieren zu können, inwiefern sich die Wahrnehmung der Probanden von Geschichte in ihrer Lebenswelt durch das Aufmerksamwerden darauf verändert. Dazu dienten sog. Wochenprotokolle (die Idee ist zurückzuführen auf Vadim Oswalt, Universität Gießen), in denen die Probanden in einem festgelegten Zeitraum all ihre Begegnungen außerhalb ihrer jeweiligen Institutionen festhalten sollten, von denen sie glaubten, sie hätten einen explizit historischen Bezug. Dadurch, dass sowohl vor als auch nach der Thematisierung von Geschichtskultur ein solches Wochenprotokoll angefertigt wurde, lässt sich aufzeigen, was sich quantitativ durch eine Heranführung an Geschichtskultur an der Wahrnehmung der Probanden ändert. Qualitativ waren sie insofern, als dass forschungsbegleitend eine Art Geschichtstagebuch geführt wurde, das die Probanden anregen sollte, die im Alltag gemachten Begegnungen zu reflektieren.
Die Untersuchungsergebnisse entstammen den Arbeiten zum Ersten und Zweiten Staatsexamen des Autors (Lippert 2015 und 2017). In der Auswertung der Wochenprotokolle sind signifikante Überschneidungen der Wahrnehmung von Geschichtskultur bei Studierenden und Lernenden zu konstatieren. Offerierten die Protokolle vor der Thematisierung der Geschichtskultur, dass Geschichte in der Lebenswelt nur rudimentär wahrgenommen wird, konnte die Thematisierung die Wahrnehmung quantitativ erheblich steigern (vgl. Lippert 2015, S. 4856 und 2017, S. 2426). Mit Blick auf den Unterricht bedeutet Thematisierung, dass Lernende sukzessive, unabhängig von der Jahrgangs-stufe, jedoch in altersgerechter Sprache,...
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 196 / 2020

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Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (< 2 Std.) Schuljahr 5-10