Pascale Herzig

Township-Tourismus in Südafrika

Stadtansicht von Kairo
© givaga/Shutterstock.com

Pascale Herzig

Die „andere Seite einer Stadt kennenlernen

In Städten des globalen Südens haben sich geführte Touren durch städtische Armutsgebiete etabliert. Diese Form des Städtetourismus eröffnet auch für die Bewohnerinnen und Bewohner eine Möglichkeit, ihren Slum als Arbeits- und Wohnort Fremden zugänglich zu machen. Ein Beitrag zur Armutsminderung und Entwicklung oder eine entwürdigende Menschen-Safari? Dieser Frage gehen die Schülerinnen und Schüler nach, indem sie verschiedene Angebote des Armutstourismus in Südafrika erarbeiten und bewerten.

Sachanalyse
Verbunden mit der Industrialisierung, war die Migration der Landbevölkerung in die Städte. Dort lebten und arbeiteten die Menschen oftmals in prekären Verhältnissen, sogenannte städtische Armutsgebiete entstanden.
Diese Entwicklungen blieben nicht unbeobachtet von den anderen Bevölkerungsschichten. „Die Neugierde auf den Slum ist etwa so alt wie der ‚Slum selbst (Frenzel und Steinbrink 2014). Deshalb werden bereits seit mehr als 150 Jahren städtische Armutsgebiete aus Neugier am Fremden, am Anderen besichtigt. Nach Frenzel und Steinbrink (2014, S. 219) symbolisiert der Slum „seit jeher die ‚dunkle, ‚niedere und ‚unbekannte Seite der Stadt und ist die Projektionsfläche für bürgerliche Phantasien, die vornehmlich von Abscheu, Angst und Argwohn geprägt sind. Weshalb also konnte sich diese Form des Tourismus überhaupt etablieren?
Anfänge des Slumtourismus
In London wurden die städtischen Armutsgebiete in den Anfängen vor allem von Geistlichen, Journalisten und Sozialreformern besucht und diese Besuche als „soziale Expeditionen legitimiert (Steinbrink 2012). Die daraus entstandenen Berichte führten dazu, dass die Oberschicht Londons die Gebiete ebenfalls aufsuchte. Bereits um 1850 wurde diese Praxis als Slumming bezeichnet (Steinbrink 2012). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Besichtigung des „unmoralisch Anderen (Steinbrink 2012, S. 223) als zweckfreie Freizeitbeschäftigung der Mittel- und Oberschicht Londons.
Um 1900 kam das Slumming von London nach New York. Von dort breitete es sich als Massenphänomen über die ganze USA aus. Im Gegensatz zu den früheren Entwicklungen in England ist das Slumming zu dieser Zeit auch im Zusammenhang des Städtetourismus zu betrachten: um eine Stadt in ihrer Gesamtheit wahrnehmen zu können, gehörte es dazu, nicht nur die Attraktionen zu besichtigen, sondern auch die „Rückseite der Medaille einer Stadt kennenzulernen. Städtische Armutsgebiete wurden zwar weiterhin als Orte des Anderen konstruiert, doch nicht mehr in einem umfassend negativen Sinn.
In dieser Zeit entstanden in den USA erste Anbieter, die sich auf geführte Slumtouren spezialisierten. Hinzu kam, dass diese städtischen Armutsviertel zunehmend ethnisch (China Town, Little Italy) kategorisiert und mit dem romantisierenden Bild eines präindustriellen Lebens (Exotik, Familienbande, Traditionen) verknüpft wurden. Diese segregierten Quartiere wurden als pittoresk und ästhetisch komplementär zur modernen Stadt präsentiert (vgl. Steinbrink 2012).
Ausbreitung des Slumtourismus
Seit Anfang der 1990er-Jahre etabliert sich die Praxis des Slumtourismus ausgehend von Südafrika auch in Ländern des globalen Südens (z.B. Brasilien, Indien). Gemäß Frenzel und Steinbrink (2014, S. 220) ist davon auszugehen, dass „jährlich über eine Million Touristen [] an Slum-, Favela- oder Townshiptouren teilnehmen, wovon ca. 90% auf Südafrika und Rio de Janeiro entfallen. Seit 2000 wächst die Zahl der Destinationen in anderen Ländern stark an und das Angebot wird immer vielseitiger (vgl. Frenzel und Steinbrink 2014). Es haben sich vor allem geführte Touren etabliert (mit dem Bus, Van, Jeep, Quad, zu Fuß oder mit dem Rad) (vgl. Frenzel und Steinbrink 2014).
Durch die weltweite Verbreitung dieser Tourismusform fand eine Globalisierung des Phänomens statt und bietet Anlass, über globale Disparitäten, die...
Geographie heute
Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

Geographie heute abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: Geographie heute Nr. 331 / 2016

Tourismus

geographie heute Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-10