Tobias Töpfer · Martin Coy

Urbane Lebensräume zwischen Fragmentierung und Erneuerung

Stadtansicht von São Paulo
Kleinräumig nebeneinander liegen in São Paulo arme und reiche Bereiche, die allerdings deutlich voneinander abgegrenzt sind, © Yannick Martinez/Shutterstock.com

Tobias Töpfer · Martin Coy

Das Beispiel São Paulo

Insbesondere in Metropolen manifestieren sich die sozioökonomischen und sozioökologischen Problembereiche der jeweiligen Gesellschaften wie unter dem Brennglas. Dabei bilden Fragen gesellschaftlicher und räumlicher Fragmentierungen sowie die Suche nach geeigneten Lösungsansätzen lokale und globale Herausforderungen. Ein Beispiel ist São Paulo. Die Lernenden befassen sich mit der stadt- und sozialgeographischen Entwicklung São Paulos.

Sachanalyse
Wie in kaum einer anderen Großregion sind die lateinamerikanischen Metropolen durch eine tief spaltende funktions- und sozialräumliche Fragmentierung gekennzeichnet, die vielerorts seit den 1990er-Jahren durch eine neoliberale Stadtpolitik noch weiter zunimmt. Als Reaktion auf Fragmentierung (also das kleinteilige, unmittelbare, aber dennoch abgegrenzte räumliche Nebeneinander von armen und reichen Bereichen der Stadt; s. Abb. ) und Exklusion (verstanden als der räumliche, soziale und ökonomische Ausschluss benachteiligter Bevölkerungsgruppen aus dem städtischen Leben) steht deshalb die Einforderung eines „Rechts auf Stadt für Alle im Sinne von gesellschaftlicher und räumlicher Inklusion im Zentrum der stadtpolitischen Auseinandersetzungen.
Rahmenbedingungen der Stadtentwicklung São Paulos
Im brasilianischen Vergleich ist São Paulo eine Stadt mit einer langen und doch auch wieder vergleichsweise jungen Geschichte. Obwohl schon in der portugiesischen Kolonialzeit Mitte des 16. Jahrhunderts gegründet, beginnt der eigentliche Stadtwerdungs- und vor allem der Wachstumsprozess São Paulos erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert wird São Paulo, das noch wenige Jahre zuvor eine Kleinstadt im Hinterland war, zur Großstadt.
Wachstum durch den Kaffeeanbau
Die erste Million Einwohner erreichte die Stadt in den 1930er-Jahren. Dabei besteht eine unmittelbare Verbindung zwischen dem das Hinterland bestimmenden Kaffeeanbau und der Stadtentwicklung: Zahlreiche „Kaffeebarone investieren ihr Kapital in die im urbanen Raum entstehenden Industrien. Gleichzeitig bedarf die expandierende Kaffeewirtschaft neuer Infrastrukturen (Eisenbahnen etc.), die von der Stadt ausgehen und in ihr zusammenfließen.
Auch die italienischen Einwanderer, die zunächst vor allem als Tagelöhner und Pächter auf den Kaffeepflanzungen arbeiten, wandern, ebenso wie andere Einwanderergruppen (syrisch-libanesische Immigranten, Japaner und andere mehr), verstärkt direkt in die Stadt. São Paulo wird auf diese Weise rasch zum brasilianischen „Schmelztiegel schlechthin, in dem die unterschiedlichen Einwanderergruppen aufeinandertreffen und die Stadt kulturell sowie zunehmend auch sozialräumlich prägen.
São Paulo ist heute (2018) mit geschätzten 12 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern (vgl. IBGE o.J.) die bevölkerungsreichste Stadt Brasiliens, die bevölkerungsstärkste Metropolregion Südamerikas und eine mega-urbane Agglomeration, die zu den größten der Welt gehört. São Paulo ist der dominante Wirtschaftsraum Brasiliens: Der Bundesstaat São Paulo erwirtschaftet 32,1% des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts, die Metropolregion São Paulo 17,9% und die Kernstadt immer noch 11,4% (2012; vgl. IBGE 2014a, 2014b).
Folgen der Deindustrialisierung
Der Großraum São Paulo ist ohne jeden Zweifel der industrielle Kernraum des Landes und bildet eine Industriestandortkonzentration von kontinentaler und internationaler Bedeutung. Zwischenzeitlich haben allerdings zahlreiche Standortverlagerungen zu einem spürbaren Deindustrialisierungsprozess geführt. Dies hat klare stadträumliche Auswirkungen.
Traditionelle innenstadtnahe Industrie- und Gewerbeviertel gehören heute zu den „Verliererquartieren mit Leerständen und Konversionsflächen, sozialen Konflikten, Umweltbelastungen und niedriger Lebensqualität. Die „Gewinner unter den städtischen Quartieren liegen heute vor allem im Südwesten der Kernstadt....
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Fakten zum Artikel
aus: Geographie heute Nr. 345 / 2019

Metropolen

geographie heute Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-10