Yvonne Heinrich Schoch · Michael Hürlimann

Liegt die Zukunft von Städten unter der Erde?

Dach des unterirdisch gelegenen Amos Rex Museums
Das Amos-Rex-Museum für moderne Kunst liegt unter der Erdoberfläche., Foto: © StockphotoVideo/stock.adobe.com

Yvonne Heinrich Schoch · Michael Hürlimann

Städte wachsen weltweit. Doch der steigende Bedarf an Wohnraum und Infrastruktur stellt sie vor Herausforderungen. Kann das Bauen im Untergrund eine Lösung sein?

Sachanalyse
Im Jahr 1950 lebte nicht einmal ein Drittel der Weltbevölkerung in Städten, 2007 waren es bereits mehr als die Hälfte. Nach Berechnungen der UN werden 2050 mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in Städten leben. 1950 gab es weltweit zwei Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern: New York und Tokio. 2018 waren es bereits über 30 Megacities. Die UN prognostiziert bis 2035 einen Anstieg auf bis zu 50 Megacities weltweit. Davon liegen zwei Drittel in Asien. Tokio gehört mit rund 37,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern zur größten Metropolregion der Welt (vgl. Zukunftsinstitut 2018).
Wachsende Städte Herausforderung für die Stadtplanung
Durch die zunehmende Urbanisierung wird der Bedarf an Wohnraum und Infrastruktur steigen, sodass große urbane Zentren aus raumplanerischer Sicht immer mehr an ihre Grenzen stoßen werden. Das stetige, vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern rasante Wachstum der Bevölkerung und der Städte stellt Stadtplaner vor Herausforderungen. Die Infrastruktur gelangt an ihre Kapazitätsgrenzen, erhöhte Emissionen durch das steigende Verkehrsaufkommen können zu einer höheren Lufttemperatur und zu Smog führen.
Das Städtewachstum und die damit in Zusammenhang stehende Bodenversiegelung reduzieren die Grünflächen, der Lebensraum für Flora und Fauna wird erheblich eingeschränkt oder geht ganz verloren. Außerdem verändert sich durch eine dichte Bebauung das Stadtklima. Im Vergleich zu einer natürlichen Vegetation heizen sich Beton, Stahl und Asphalt schneller auf, können Wärme besser speichern und geben dadurch auch nachts Wärme ab. In Städten ist es zudem windstiller. Die Temperatur kann daher bis zu 10 ° C höher sein als in ruralen Räumen.
Die Urbanisierung hat aber auch ökonomische Auswirkungen. In gewissen Stadtteilen westlicher Metropolen kämpfen Bewohnerinnen und Bewohner mit hohen Lebenshaltungskosten und hohen Miet- bzw. Wohnungspreisen. Es stellt sich die Frage, wie die Städte der Zukunft geplant werden müssen, damit der Raum an der Oberfläche nicht übernutzt und die Lebens- sowie Standortqualität erhalten bleiben oder gar gefördert werden (vgl. Urban Digital 2017).
Der Untergund eine Lösung?
Außer dem Bau von Hochhäusern und der überirdischen Nachverdichtung zeichnet sich mittlerweile ein weiterer, zukunftsorientierter Lösungsansatz ab, welcher der Forderung nach mehr Raum und hoher Lebensqualität in Städten gerecht werden kann: das Bauen im Untergrund. Dass unterirdisches Bauen keine Neuheit ist, zeigt die Verlagerung des öffentlichen Personennahverkehrs in den Untergrund. Bereits 1863 wurde zum Beispiel die Londoner U-Bahn realisiert (vgl. Vensky 2013).
Umsetzungsbeispiele für die Verlagerung von Einrichtungen unter die Erde sind Montreal, Helsinki und London (s. Kästen). Geplant, aber noch nicht umgesetzt ist zum Beispiel „Cargo sous terrain in der Schweiz.
Montreals Untergrundstadt Réso
Montreals Untergrundstadt Réso
Montreals Untergrundstadt gilt als größte Untergrundstadt der Welt und besteht aus einem Netzwerk von Fußgängertunneln, unterirdischen Einkaufspassagen, Metrostationen, Busbahnhöfen, Bahnhöfen, Läden, Restaurants, Kinos, Hotels, einem Eishockeystadion, Büro- und Wohngebäuden sowie zwei Universitäten. Fußgänger können diese Einrichtungen, vor den tiefen Temperaturen des kanadischen Winters geschützt, ganzjährig nutzen.
1962 erhielt das Hochhaus Place Ville-Marie ein unterirdisches Einkaufszentrum und einen Tunnel, der das Einkaufszentrum mit dem Hauptbahnhof verbindet. Mit dem Bau der Metro beschleunigte sich die Entwicklung und weitere Metrostationen und Fußgängertunnel kamen hinzu. 1974 wurde ein weiteres Hochhaus durch unterirdische Metrostationen mit dem Regierungsgebäude...
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Fakten zum Artikel
aus: Geographie heute Nr. 347 / 2020

Räumliche Konflikte

geographie heute Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-10
  • Thema: Stadt & Region
  • Autor/in: Yvonne Heinrich Schoch und Michael Hürlimann