Ambros Brucker

Schüler mit Arbeitsblatt
Wie entwickelt sich das Schulfach Geographie in den nächsten Jahren?, © Rawpixel.com/stock.adobe.com

Ambros Brucker

Thesen zur Entwicklung des Schulfaches Geographie
Erdkunde wurde 1872 zunächst in Preußen, anschließend in den anderen deutschen Ländern in den schulischen Fächerkanon aufgenommen. Heimatkunde, Vaterlandskunde und Weltkunde waren die inhaltlichen Eckpunkte. Dazu kamen einzelne allgemeingeographische Themen, wie zum Beispiel Klima- und Wetterkunde.
Ende der 1960er-Jahre kam es (in der BRD) zu einem gehörigen Umbruch: Angesichts der in die Schulen drängenden neuen Inhalte und Probleme wurden Länderkunde und der länderkundliche Durchgang obsolet und zurecht aus den Lehrplänen weitgehend verbannt. Sozialgeographische Themen gewannen die Oberhand. Lernziel- und schließlich Kompetenzorientierung ersetzen die Inhaltsdominanz. (1)
Thesen:
1. Solange der Lehrplan die Erarbeitung von Staaten und Kontinenten forderte, standen dem Fach Erdkunde/Geographie je zwei Unterrichtsstunden in den Klassen 5 – 9 zur Verfügung: 5. Klasse Bundesland 6. Klasse Deutschland – 7. Klasse Europa 8. Klasse Asien und Australien 9. Klasse Nord- und Südamerika. Wer hier zwei Stunden gekürzt hätte, hätte in den Vorstellungen der Öffentlichkeit einen Raum ausradiert!
  • Indem der Unterricht auf (begründete) Ziele und Kompetenzen der Selbstbestimmung hin ausgerichtet, also stärker schülerorientiert wurde, verloren die Inhalte ihre dominante Stellung. Sie wurden austauschbar und damit beliebig. Dem Schulfach Geographie wurden Stunden gestrichen, weil sich (von fachfremden Entscheidern) Ziele und Kompetenzen leichter kürzen oder gar streichen lassen als gewichtige räumliche Inhaltsbrocken (s. Abb. ).
2. Im Abwehrkampf gegen die Stundenkürzungen glaubten die Vertreter des Faches in Schule und Hochschule, die Bedeutung des Geographieunterrichts tief und breit begründen zu müssen. Je geringer die Stundenzahl, umso umfangreicher und komplexer wurden und werden deshalb die Lehrpläne und deren Vorspänne zum „Selbstverständnis des Faches Geographie und seines Beitrages zur Bildung formuliert.
  • Den Entscheidungsträgern in den Ministerien, den Abgeordneten der Landtage, den Vertretern der Elternschaften, den Repräsentanten der Wirtschaft, die sich für unser Fach einsetzen könnten, sind die kunstvollen, abgehobenen und langatmigen Ausführungen der Lernziel- und Kompetenzpläne als Grundlagenlektüre nicht zuzumuten – und die abgehobenen Formulierungen in den sogenannten Bildungsstandards schon gar nicht. Themen, mit denen Laien unser Fach identifizieren Europa, China, USA, Japan, Afrika usw. – werden dort nicht einmal mehr genannt! (2)
3. In den 1970er-Jahren wurden viele fachdidaktische Institute gegründet mit dem Ziel, die Lehrkräfte für die neuen Inhalte und die kreativen Methoden des Schulfaches auszubilden sowie entsprechende Forschungen zu betreiben. Dieses Vorhaben ist an vielen Standorten gelungen. Insgesamt aber vermag es die Wissenschaft der Geographiedidaktik nicht, die enorme Bedeutung des Faches im Zeitalter der Globalisierung herauszustellen und das Image des Schulfaches Geographie bei den ministeriellen sowie politischen Entscheidungsträgern aufzupolieren und somit die Stundenausstattung zu verbessern. (3)
4. Ein unlösbares Dilemma des Schulfaches Geographie ist, dass die zu unterrichtenden Inhalte zunehmend umfangreicher, vielfältiger und komplizierter werden. Dafür steht jedoch mit abnehmender Stundenzahl immer weniger Zeit zur Verfügung. Folglich kann manches Bedeutsame nicht mehr vertieft, sondern nur noch oberflächlich oder gar nicht erarbeitet werden.
  • In Anlehnung an eine Weissagung der Cree-Indianer ist zu vermuten: Erst wenn die letzte Geographiestunde von der Stundentafel gestrichen ist, werden wir merken, dass Bildung ohne handfeste Geographiekenntnisse die Welt nicht erschließt und hohl tönt.
  • Hinweise und Literatur
(1) Zur Entwicklung des Geographieunterrichts siehe
Birkenhauer, J. (1986): Erziehungswissenschaftlicher Rahmen. In: Köck, H. (Hrsg.): Handbuch des...
Geographie heute
Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

Geographie heute abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: Geographie heute Nr. 343 / 2019

Subsahara-Afrika

geographie heute Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 5-13