Katrin Bergner

Spanisch lernen als tauber Schüler?

Gruppenarbeit mit Gebärdensprachdolmetscherin
Gruppenarbeit mit Gebärdensprachdolmetscherin, Foto: © Katrin Bergner

Katrin Bergner

In diesem Artikel werden Erfahrungen mit einem tauben Schüler im Spanischunterricht der gymnasialen Oberstufe vorgestellt sowohl aus Lehrerinnen- als auch aus Schülerperspektive. Digitale Technik, eine kleine Lerngruppe und ein breites Spektrum an Unterrichtsmethoden sind wichtige Gelingensfaktoren. Gefragt sind auch ein hohes Engagement seitens des Schülers sowie aller am Lernprozess beteiligten Akteurinnen und Akteure.

Im Leistungskurs 12/I des Potsdamer Humboldt-Gymnasiums lernt seit vergangenem Schuljahr ein tauber1 Schüler. Elias kann nicht hören, auch nicht mit Hörgerät, und daher kann er sich auch nur unverständlich lautsprachlich äußern. Kann man eine Fremdsprache lernen, wenn man weder hören noch sprechen kann? Nun, Elias beweist, dass man über die Schriftsprache eine Fremdsprache erwerben kann. Das geschieht jedoch nicht im Selbstlauf, wichtige Rahmenbedingungen müssen erfüllt sein, damit das Ganze gelingen kann – wie sich auch in Elias Erfahrungsbericht zeigt.
Erfahrungsbericht des Schülers

Erfahrungsbericht des Schülers
¡Hola! Me llamo Elias.
Ich bin 17 Jahre alt. Momentan gehe ich zum Humboldt-Gymnasium Potsdam in die 12. Klasse, mein letztes Schuljahr.
Rückblickend gab es reichlich Veränderungen in der Schulsituation und im Fremdsprachunterricht innerhalb meines Besuchs am Gymnasium. Fremdsprachen werden ja vorrangig mündlich gelernt und unterrichtet, was bei mir aufgrund meiner Taubheit nicht möglich ist.
Daher wurde eine neue Form des Lernens und Verstehens der Fremdsprache Spanisch mittels des Übersetzungsdienstes VerbaVoice aus München eingeführt, sodass ich den Spanischunterricht schriftlich mitverfolgen und so auch mitwirken kann. Mir war schon in der 7. Klasse klar, dass ich erst für Englisch und dann auch für Spanisch dringend eine Verschriftlichung benötige, daher fiel sofort die Wahl auf VerbaVoice. Der Grund liegt darin, dass ich taub bin und die Deutsche Gebärdensprache (DGS) als visuelle Muttersprache benutze. Ich besuche den Unterricht mit Dolmetschern, die mir den Unterricht in Deutsche Gebärdensprache übersetzen. Das geht in den Fremdsprachen jedoch nicht. Die Dolmetscher dolmetschen zwischen gesprochenem Deutsch und Deutscher Gebärdensprache. Keiner der Dolmetscher kann jedoch fließend eine andere Gebärdensprache.
Die DGS hat eine andere Grammatik und Ausdrucksweise als das Deutsche. Die gesprochene und akustische Sprache ist somit für mich nicht direkt wahrnehmbar und stellt für mich eine außergewöhnlich große Hürde dar. Den Schülern wird Sprache und auch jede Fremdsprache inklusive der grammatischen Ausdrucksweise durch die Lehrer vermittelt, so bekommen sie ein Gefühl für die Sprache und können diese weiterentwickeln.
Da die wesentlichen Inhalte des regulären Unterrichts in fast allen Fächern größtenteils mündlich übermittelt werden, bedeutet das für mich eine große Anforderung und bedarf einer Vor- und Nachbereitung, denn ich kann zum Bespiel nicht gleichzeitig zuhören und mitschreiben. Oft ist der erste Schritt meiner Mitschüler das mündliche Verstehen und dann wird alles aufgeschrieben, das gilt bei mir jedoch umgekehrt, was viel Zeit benötigt. Ich lese die Inhalte, kann nicht gleichzeitig aufschreiben und muss meine Mitschriften später machen.
Es ist sicherlich ein Paradigmenwechsel, den Unterricht so aufzubauen, dass er für alle inklusiv gestaltet wird. Dabei wird jeder Einzelne mit seinen Bedürfnissen und Ansprüchen so unterrichtet, dass er erfolgreich lernen kann. Daher habe ich mit meiner Lehrerin und Tutorin Frau Bergner abgesprochen, wie sie den Unterricht so gestalten kann, dass ich Inhalte zumeist schriftlich und über den visuellen Kanal im Unterricht erhalte. Aufgrund der modernen Ausstattung (Smartboard und technische Geräte) unseres Gymnasiums, die häufige Nutzung von Arbeits- und Informationsblättern und die regelmäßige Überreichung an mich am Anfang des jeweiligen Blocks als Überblick, ist dies gut gelungen. Ich...
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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Spanisch Nr. 69 / 2020

Diversität

Premium-Artikel aus "Unterricht Spanisch" Methode & Didaktik Schuljahr 6-13