Boris Hucker

Kognitive Dissonanzen imFadenkreuz der Lernenden

Abb.1: Eine Musterzielscheibe: Die Einführung der Methode Zielscheibe kann über eine vorgegebene Schärfung des Begriffs Burg erfolgen.
Abb.1: Eine Musterzielscheibe: Die Einführung der Methode Zielscheibe kann über eine vorgegebene Schärfung des Begriffs Burg erfolgen., © Hucker

Boris Hucker

Die Zielscheibe als Methode einer schülerorientierten Ergebnissicherung

Die Methode Zielscheibe strebt die Bildung eines historischen Sachurteils an. In diesem Kontext eignet sie sich als „Dummy für die Ergebnissicherung von problemorientierten Unterrichtsstunden. Die Platzierung der Begriffe erfolgt in Abhängigkeit zu ihrer Wichtigkeit für die Beantwortung der Leitfrage mehr oder weniger zentral auf der Zielscheibe. Exemplarisch verdeutlicht wird diese Form der Ergebnissicherung im Folgenden am Thema: „Wer regierte die mittelalterliche Stadt?
Sachanalyse
Die Idee, Siedlungen zu einer autonomen Gemeinde zusammenzuschließen, breitete sich ab dem 11. Jahrhundert vom späteren Italien über das Burgund, das Rheinland und Flandern bis nach England aus. Der über Jahrhunderte dauernde Kampf oligarchischer Gruppen um das Stadtregiment flammte europaweit, wenn auch nicht flächendeckend, immer wieder auf, wenn auf den wirtschaftlichen Erfolg von Bürgern der rechtliche und soziale Aufstieg ausblieb. In europäischen Städten regierten zeitgleich höchst unterschiedliche Personenkonstellationen. Entsprechend handelte es sich auch bei den Stadtbewohnern um eine heterogene Einheit: Sie genossen zwar rechtliche Vorteile gegenüber der Landbevölkerung, unterschieden sich aber je nach Abstammung und Vermögen in ihren politischen Handlungsmöglichkeiten schon innerhalb eines Gewerbes (Meister Geselle Knecht) und sogar eines Meisterstandes am selben Ort.
Didaktisch-methodische Überlegungen
Idealerweise wurden im Vorfeld der Unterrichtsstunde die mittelalterliche Stadtgesellschaft sowie die Entstehungsbedingungen, Entwicklungsmöglichkeiten und Anreize mittelalterlicher Städte bearbeitet. Ausgehend von ihren subjektiven Theorien zum städtischen Sozialgefüge des Mittelalters entwickeln die Lernenden ein differenzierendes Verständnis der Stadtbevölkerung und ihrer politischen Handlungsspielräume. Die Geschichtsbilder der Schülerschaft sind stark von geschichtskulturellen Produkten, wie etwa Filmen, (Computer-)Spielen und historischen (Jugend-)Romanen über das Mittelalter, geprägt. Um reflektierte Geschichtsbilder zu fördern, unterscheiden die Lernenden auf Basis eines Darstellungstextes und der Zielscheibe wichtige Gruppen der mittelalterlichen Stadtgesellschaft sowie ihre politischen Funktionen. Die Lernenden erkennen, dass sich die städtischen Herrschaftsstrukturen des Mittelalters nur schwer verallgemeinern lassen.
Aus lernpsychologischer Sicht verfügt die Umstrukturierung von Inhalten, z.B. eines Darstellungstextes in eine Visualisierung, unter den Lernstrategien über die höchste Wirkfähigkeit auf das Lernen, worauf unter anderem der Erziehungswissenschaftler John Hattie in seiner Metaanalyse hinweist (Hattie 2014, S.117f.). Im Vergleich zur Wahl und Stellung gegenwärtiger Bürgermeister wird der mögliche Zwischenbefund, es könnte sich schon im Mittelalter um Demokratien im heutigen Sinne handeln, entkräftet, wenn auch damals die Zahl der politischen Entscheidungsträger zunahm. In einem weiteren Vergleich ihrer Zielscheibe mit einer Pyramide zur mittelalterlichen Stadtgesellschaft, die sich obwohl wissenschaftlichen als obsolet geltend noch in aktuellen Schulbüchern findet, erkennen die Lernenden die begrenzte Aussagekraft von Modellen (vgl. Boockmann 1992).
Unterrichtsdramaturgie
Zum Stundeneinstieg dient die Begriffskette „Bauer Bürger Edelmann an der Tafel als stummer Impuls. Das Vorwissen der Lernenden wird durch spontane Wortassoziationen, wie Bürgermeister oder Ratsbürger, aktiviert. Einzelne Schülerinnen und Schüler erkennen in der Begriffsfolge eine Hierarchie, andere wiederum widersprechen dieser Einschätzung. In der Klasse entstehen kognitive Dissonanzen. Die Lernenden nennen die zentrale Frage der Unterrichtsstunde „Wer regierte (nicht) die mittelalterliche Stadt? und stellen Hypothesen zur Beantwortung auf. Die Lehrkraft notiert die Frage und die...
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 196 / 2020

Ergebnissicherung

Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (< 2 Std.) Schuljahr 7-10