Josef Memminger/Dietmar von Reeken

Geschichtsdidaktik

Josef Memminger/Dietmar von Reeken

Teil IV (letzter Bericht GWU 67, 2016, H. 3 – 8)

4.Schulbuchforschung
Der Band „Der Kalte Krieg im Schulbuch geht auf eine von einer deutsch-französischen Kooperation getragenen Tagung des Jahres 2015 in Metz zurück, die noch den Titel „Das geteilte Deutschland im Schulbuch trug und nicht zuletzt Beiträgen von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern ein Forum gab.51 Der Kalte Krieg ist heutzutage für Schülerinnen und Schüler etwas kaum mehr Vorstellbares. Im Gegensatz zur biographischen Erfahrung von vielen Lehrkräften ist für junge Menschen die bipolare Weltordnung ein Gegenstand, der erklärt und präzise historisiert werden muss. Wie das in Schulbüchern, den „nationalen Autobiographien (Wolfgang Jacobmeyer), in Geschichte und Gegenwart geschah und geschieht, ist daher von einigem Interesse. Ulrich Pfeil schließt sich einführend den Interpretationen des Kalten Kriegs als ‚totalem Krieg an, weil er in alle Lebensbereiche hinein wirkte und „die Gesellschaften in ihrer Gesamtheit für den zu erwartenden totalen nuklearen Krieg [mobilisierte]. Wichtig sei daher, nicht nur zu wissen, „was während des Kalten Krieges geschah, sondern immer auch, was durch den Kalten Krieg geschah (S. 25). Bärbel Kuhn kontextualisiert im Anschluss das Thema vor dem Hintergrund deutscher und nicht-deutscher Lehrpläne. Interessant erscheint hier die Diagnose, dass in Frankreichs Schulen eine „zurückhaltendere Umgangsweise bei der Behandlung des Kalten Kriegs festzustellen ist und der Kommunismus nicht in dem Maße als „fremd und feindlich gesehen wurde wie in Deutschland (S. 35). Das wird in dem Artikel Marie Müller-Zetsches („Der Kalte Krieg ist vorbei, S. 219 – 237) noch einmal besonders hervorgehoben, wenn die in den französischen Schulbüchern festzustellende wohlwollendere Haltung dem Kommunismus gegenüber die pro-amerikanische Sichtweise der bundesdeutschen Lehrmittel entgegengestellt wird und die Darstellung im deutsch-französischen Schulbuch („Histoire/Geschichte) gewissermaßen als Erweiterung oder Synthese der getrennten nationalen Narrative gesehen wird (S. 237). Die durchweg lesenswerten Beiträge des Bandes sind den Großkapiteln „Schulbuch und Geschichtsunterricht im geteilten Deutschland, „Das geteilte Deutschland in Schulbuch und Geschichtsunterricht der Gegenwart, „Regards croisés und „Blicke von außen zugeordnet, bevor Hans-Joachim Cornelissen resümierend „Einige Schlussbetrachtungen aus der Praxis beisteuert. Dem Tagungsthema gemäß dominieren Beiträge, die die deutsche (BRD/DDR) und französische Perspektive auf den Kalten Krieg beleuchten. Die Artikel von Katja Gorbahn zu Dänemark und Frank Schweppenstettes zu Italien zeigen jedoch, wie erfrischend eine noch breitere Auffächerung der nationalen Perspektiven hätte sein können. (JM)
Ohne Zweifel hat die Geschichtsdidaktik in ihren verschiedenen Forschungsfeldern (Theorie, Empirie und Pragmatik) eine enorme gymnasiale Schlagseite. Dies gilt sowohl für die Gegenwart als auch für die Vergangenheit des Geschichtsunterrichts. Vergegenwärtigt man sich, dass bis in die 1960er Jahre hinein 80 bis 90% der Kinder und Jugendlichen nicht zum Gymnasium gegangen sind, ist diese Ausblendung nicht-gymnasialer Schulformen besonders ärgerlich, verschließt sie doch den Blick auf einen wichtigen Bereich historischer Sozialisation der meisten Menschen, zumal in einer Zeit, als auch die Formen geschichtskultureller Beeinflussungen deutlich weniger vielfältig waren als in der Gegenwart, dem Unterricht also eine noch größere Bedeutung in der Entwicklung des Geschichtsbewusstseins zukam. Umso erfreulicher ist es, dass jetzt eine Studie vorliegt, die sich Schulgeschichtsbüchern an Volksschulen im Zeitraum zwischen 1900 und 1960, also in sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Kontexten, widmet, und dies auch noch im deutsch-französischen Vergleich.52 Christian Weiß verfolgt in seiner Berliner...

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aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 11 / 12

Historische Anthropologie

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