Carlo Ginzburg

Der Käse und die Würmer im Jahr 2019

Carlo Ginzburg

Was lehrt uns die Mikrogeschichte heute?1

Der Vortrag kehrt zu einem Buch zurück, das erstmals vor über 40 Jahren erschienen ist. Zusammen mit anderen Werken wurde darüber eine Forschungsrichtung in der internationalen Geschichtswissenschaft begründet, die als Mikrogeschichte bekannt werden sollte. Der Vortrag behandelt zum einen die Entstehungsgeschichte des Konzepts und seine internationale wissenschaftliche Ausstrahlung, zum anderen wirft er die Frage danach auf, was uns die Mikrogeschichte heute noch zu lehren vermag. Im Hinblick darauf betont der Vortrag das große Potential der Mikrogeschichte für eine methodisch selbst-reflexive Globalgeschichte.

Vorbemerkung
Nur selten schreiben historische Bücher Geschichte. Gewiss aber gehört der Titel „Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers zu diesem Reigen. Das erstmals bei Einaudi im Jahr 1976 aufgelegte Buch wurde rasch in andere Sprachen übersetzt, 1979 ins Deutsche und 1980 ins Englische; bislang liegen Übersetzungen in 26 verschiedenen Sprachen vor. Dass der Titel bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat, zeigt sich an den gerade erst besorgten Neuauflagen. Ende 2019 wurde das Buch in Italien im Adelphi Verlag neu publiziert, und zu Beginn dieses Jahres erschien eine neue deutsche Übersetzung im Wagenbach Verlag, der auch viele andere Bücher von Carlo Ginzburg deutschen Leserrinnen und Lesern zugänglich gemacht hat.Dazu zählen unter anderen „Erkundungen über Piero: Piero della Francesca. Ein Maler der frühen Renaissance (1981), „Hexensabbat: Entzifferung einer nächtlichen Geschichte (1990), „Die Wahrheit der Geschichte: Rhetorik und Beweis (2001) sowie „Faden und Fährten: wahr, falsch, fiktiv (2013).
Der Autor, Carlo Ginzburg, wurde 1939 in Turin in eine italienisch-jüdische Familie geboren, wo er wichtige intellektuelle Impulse im Haus seiner Eltern empfing. Seine Mutter Natalia Ginzburg stieg zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen Italiens auf, und sein aus der Ukraine stammender Vater Leone Ginzburg trat nicht nur als Lehrer und Autor hervor, sondern er gründete zusammen mit Giulio Einaudi und Cesare Pavese 1933 das später einflussreiche Verlagshaus Einaudi.
Dass Carlo Ginzburg mit seinem 1976 erschienen Buch dann ebenfalls Geschichte schreiben sollte, war zunächst so kaum abzusehen. Denn immerhin unterschieden sich seine Themenstellung, seine methodischen Zugänge und auch sein Stil doch erheblich von den dem, was in der überkommenen Geschichtswissenschaft Italiens und anderer Länder gängige Praxis war. Zwar hatte die moderne Sozialgeschichtsschreibung international schon seit den 1950er Jahren die Abkehr von einer verengten Geschichte der Politik eingeleitet, die sich oft genug nur für die „Taten der großen Männer interessiert hatte, und doch bildete gerade die Sprache der neuen Sozialgeschichte für Carlo Ginzburg und eine Reihe weiterer Historiker und Historikerinnen seiner Generation den Stein eines Anstoßes. Denn die stark theoriegeleitete historische Sozialwissenschaft verdeckte aus ihrer Sicht vieles von dem, was es überhaupt erst aufzuspüren und neu zu deuten galt.
Um die Emphase zu begreifen, mit der die Angehörigen der nachwachsenden Generation den Paradigmen der älteren Politik- und denen der jüngeren Sozialgeschichte begegneten, muss man in ihre Bücher und andere Texte eintauchen. Die Resonanz auf die Verfechter der neuen Richtung, die sich erst allmählich als Mikrogeschichte selber zu begreifen lernte, blieb nicht aus. In Deutschland fiel das Echo meist eher kritisch aus. Noch auf dem Historikertag in Hannover im Jahr 1992 polemisierte mit Jürgen Kocka ein Vertreter der „Bielefelder Schule heftig gegen das „Klein-Klein und die „Theorieferne nicht nur der Alltagsgeschichte, sondern auch gegen die Postulate der Mikrogeschichte, die in den Jahren zuvor vor allem unter Historikerinnen und Historikern der Frühen Neuzeit großen Anklang gefunden hatten. Zu ihnen gehörte der damals am...
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 3 / 4

Griechische Antike: Zentrum und Peripherie

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