Barbara Hanke

Das Haus der Geschichte Österreich

Barbara Hanke

Genese, Narrative, Prinzipien

1. Einleitung
Als der Öffentlichkeit im Sommer 2017 der Generalentwurf für das Haus der Geschichte Österreich vorgestellt wurde, zeigte sich auch weniger aufmerksamen BeobachterInnen, dass in den Räumen der Neuen Hofburg in Wien kein weiterer „Musentempel1 entstehen würde. „Auf 1.870 Quadratmetern in der Neuen Burg wird es [das Museum] eine pointierte Auswahl von Themen und Objekten über Österreichs Geschichte seit 1918 bieten. Es wird Räume für unterschiedliche Formen der Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieses Landes eröffnen und zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Sicht auf die Geschichte einladen2, heißt es in dem Konzept, das gut ein Jahr vor der geplanten Eröffnung präsentiert wurde. Über mangelnde Aufmerksamkeit konnten sich die AusstellungsmacherInnen nicht beschweren im Gegenteil.3 Angesichts der jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um parteipolitische Vereinnahmungen, Deutungshoheiten und Instrumentalisierungsversuche dürfte der Anspruch auf ein selbstreflexives Geschichtsverständnis, mit dem das Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ) in seinem Generalkonzept angetreten ist, deshalb auch nicht nur auf die BesucherInnen zu beziehen sein.4 Vor dem Hintergrund der Debatten im Vorfeld ist nicht nur von Interesse, ob und inwiefern das HdGÖ die angestrebte Selbstreflexivität ermöglicht, sondern auch, ob es ihr selbst gerecht wird. BesucherInnen haben jedenfalls die Möglichkeit, im Eingangsbereich der Ausstellung die langwierigen Auseinandersetzungen um den Standort, den Status, das Konzept, den Namen und die Finanzierung in einem „Haus-der-Geschichte-Marathon spielend nachzuvollziehen.
Seiner schwierigen und langwierigen Entstehungsgeschichte zum Trotz hat sich das HdGÖ nach seiner Eröffnung im November 2018 in Wien und Österreich schnell zu einer bedeutsamen geschichtskulturellen Institution entwickelt.5 Der folgende Beitrag betrachtet sie unter drei Gesichtspunkten: Zunächst wird die Entstehungsgeschichte des HdGÖ nachgezeichnet, welche längst selbst schon ein Gegenstand geschichtskultureller Analysen geworden ist.6 Danach richtet sich der Blick auf die Ausstellung „Aufbruch ins Ungewisse Österreich seit 1918, die im HdGÖ von November 2018 bis Mai 2020 zu sehen ist. Dabei wird auf der Grundlage von Jörn Rüsens Typologie historischer Sinnbildungsmuster und unter Betrachtung einzelner Ausstellungsobjekte die narrative Struktur der Ausstellung untersucht.7 Vor dem Hintergrund, dass sich das HdGÖ nicht nur als Sammlungsort, sondern vor allem als historischer Lernort etablieren will,8 wird abschließend danach gefragt, welche geschichtsdidaktischen Darstellungs- und Vermittlungsprinzipien der Ausstellung zugrunde liegen.
2. Entstehungsgeschichte
Am 10. November 2018, fast auf den Tag genau hundert Jahre nach Gründung der Republik Österreich und im achtzigsten Gedenkjahr der Annexion Österreichs, wurde in Wien das Haus der Geschichte Österreich eröffnet. Die feierliche Eröffnung des Hauses und seiner Ausstellung konkurrierte mit zahlreichen anderen Jubiläumsfeierlichkeiten, die sich um die sogenannten 8er Jahre9 reihten. Die Diskussionen um ein österreichisches Nationalmuseum sind indes älter als die Republik Österreich.10 Pläne zur Errichtung eines Nationalmuseums gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts und in der Ersten Republik; direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs initiierte Bundespräsident Karl Renner dann die Errichtung eines der Öffentlichkeit nie zugänglich gemachten „Museums der Ersten und Zweiten Republik Österreichs und in den 1980er Jahren gab es Überlegungen, am Albertinaplatz in Wien ein „Haus der Republik einzurichten.11 Nach der Empfehlung des Europarates von 1996, in allen Mitgliedstaaten nach dem Vorbild des Bonner Hauses der Geschichte nationale Museen einzurichten, wurden seitens der österreichischen Regierungen mehrere Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben, diese...

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aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 11 / 12

Historische Anthropologie

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