Tiziana Bonetti

Aufs Wohl der Gemeinschaft! Marienmilch als Heilmittel

Tiziana Bonetti

Eine historisch-anthropologische Annäherung

Marienmilch war im Mittelalter eine Alleskönnerin: Sie ermöglichte digestive Zugänge zur Muttergottes, war ein bewährtes Heilmittel und ein Bestseller unter Pilgermitbringseln aus dem Heiligen Land. Damit nicht genug wirkte die Milch der Jungfrau auch gemeinschaftsbildend: Am Beispiel des mittelitalienischen Dorfes Montevarchi zeigt dieser Beitrag auf, wie sich auf Initiative der lokalen Oligarchie die als Reliquie verehrte Milch zu einer identiätsstiftenden Substanz entwickeln konnte. Thematisiert wird anhand des Motivs der stillenden Muttergottes auch der Widerspruch zwischen körperlich ,gereinigter Marienmilch und potentiell erotischer Jungfernbrust.

Ist sie weiß wie Schnee? Und duftet sie himmlisch? Wenn Geisteswissenschaftler über Marienmilch schreiben, dann meist in Zusammenhang mit einem Bildmotiv, in dem die Hauptprotagonistin selbst die Milch fehlt. Die Rede ist von der Ikonographie der Maria lactans. Das Motiv zeigt die Muttergottes, die eine ihrer beiden Brüste entblößt, um das neugeborene Jesuskind zu stillen. Vom Milchfluss ist allerdings nichts zu sehen. Dennoch ist es leicht einsehbar, weshalb dieses Sujet in kulturhistorischen, sozialwissenschaftlichen und theologischen Texten so oft aufgegriffen wurde: Das Paradoxon von erotisch aufgeladener Jungfernbrust und postuliertem Keuschheitsideal der Kirche produzierte jahrhundertelang Texte und Bilder. Entsprechend zahlreich nehmen sich die Positionen von Forschenden aus, die versuchen, diesem Widerspruch auf die Schliche zu kommen: Während etwa Klaus Schreiner postuliert, dass die Brust vor allem ein theologisches Beweismittel für die Menschlichkeit Jesu darstellte, vertreten Megan Holmes und Margaret Miles die These, dass Künstler die potentielle Erotik der Darstellung durch spezifische Bildmittel zurückgedrängt hätten.1 Anders steht es um das flüssige, teils in Pulverform aufbewahrte Pendant der milchspendenden Muttergottes: die Marienmilchreliquien. Hier liegt kein Widerspruch vor. Als vom Körper der unbefleckten Jungfrau losgelöstes Substrat stehen die Reliquien für Reinheit in ihrer zugespitztesten Form. Weder eine möglicherweise zu erotisch geratene Brust noch ein zu betörendes Antlitz Marias stellen sich bei ihrer Verehrung in den Weg. Und doch: Die von jeglicher Körperlichkeit abstrahierte Substanz erschien den Gläubigen in Mittelalter und Früher Neuzeit als optimales Medium, in einen direkten Kontakt mit der Muttergottes zu treten.2 Gerade deshalb war die teils flüssig, teils in Pulverform aufbewahrte Marienmilch der Bestseller religiöser Gebrauchsartikel. Zahlreiche Pilger nahmen die Reise ins Heilige Land auf sich, um ein Fläschchen mit dieser kostbaren Milch zu ergattern. Dabei war die Herstellung weit weniger rein, als es ihr Endprodukt suggerieren möchte: Als Cocktail aus Kalk und Wasser hatte die Flüssigkeit um einiges mehr mit fleißiger Handarbeit und rhetorisch geübten Verkäufern zu tun als mit der unschuldigen Figur Marias.
Im mittelitalienischen Dorf Montevarchi ging ihre Verehrung noch einen Schritt weiter. Dort avancierte die als Reliquie aufbewahrte Milch zum identifikationsstiftenden Gegenstand der Gemeinschaft. Denn für die Dauer von drei Tagen hob die Reliquie Sacro Latte in der alljährlich zelebrierten Festa del Latte die Klassenunterschiede zwischen der Oligarchie und der agrarisch geprägten Bevölkerung auf, wie Lorenzo Piccioli hervorhebt: „La festa, organizzata dalla Fraternità del Latte, che si teneva la seconda domenica dopo Pasqua, era il centro della vita cerimoniale cittadina intorno alla quale si esprimeva e, al tempo stesso, si creava la ,coesione comunitaria.3 In der kollektiven Erinnerung an den Gründungsmythos, der im Dorf unauflöslich mit der Milch Mariens verknüpft war, lag nämlich eine einigende Kraft.4 Dass die Marienmilch in Montevarchi einen so hohen symbolischen Stellenwert innerhalb der Gemeinde gewinnen konnte, hat jedoch...

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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 11 / 12

Historische Anthropologie

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 1-13