Daniel Schiller

Regionalwirtschaftliche Disparitäten in Thailand

Menschen auf einem Zebrastreifen 
© Varavin88/Shutterstock.com

Daniel Schiller

Kehrt sich der Polarisationsprozess um?

Regionalwirtschaftliche Disparitäten können den territorialen Zusammenhalt von Staaten gefährden. In Thailand war das Wohlstandsgefälle zwischen der Primatregion um Bangkok und dem Rest des Landes ein Grund für die politischen Unruhen des vergangenen Jahrzehnts. Dieser Beitrag bereitet Materialien für die Beschreibung und Erklärung der regionalwirtschaftlichen Disparitäten in Thailand auf.

Sachanalyse
Thailand zählt zusammen mit Malaysia, Indonesien und den Philippinen zu den Tigerstaaten der zweiten Generation. Dem Land gelang seit den 1980er-Jahren durch eine exportorientierte Wachstumsstrategie und den Zufluss ausländischer Direktinvestitionen die Integration in die Weltwirtschaft. Die Diversifizierung und Liberalisierung der Wirtschaft führte ab Ende der 1980er-Jahre zu einem Export-Boom, der dem Land jährliche Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf von mehr als 10% bescherte (s. Abb. 1 ).
Der Verlauf der Wachstumsraten in Thailand ist typisch für viele Tigerstaaten, weist aber einige landesspezifische Eigenheiten auf. Typisch ist die sinkende Tendenz der jährlichen Wachstumsraten im Zeitverlauf, da ab einem bestimmten Wohlstandsniveau keine so großen Zuwächse durch eine quantitative Ausweitung der Wirtschaft mehr möglich sind. Besonders ausgeprägt sind jedoch die krisenhaften Phänomene in Thailands Wachstumspfad. Korruption, Vetternwirtschaft und schwache Finanzmarktinstitutionen führten zu Beginn der 1990er-Jahre zur Ausbildung von Kreditblasen. Das Land wurde 1997 zum Ausgangspunkt der Asienkrise und erlitt einen stärkeren Einbruch der Wirtschaftsentwicklung als viele Nachbarstaaten.
Die 2000er-Jahre wurden durch die Regierungszeit von Thaksin Shinawatra geprägt. Ihm gelang in seiner für Thailand langen Regierungszeit (Februar 2001 bis September 2006) die Rückkehr auf einen stabilen Wachstumspfad. Seine Kritiker werfen ihm eine populistische Politik vor.
Die Regierung Thaksin wurde 2006 durch einen Putsch abgesetzt. Seitdem ist das Land von politischen Unruhen und häufigen Regierungswechseln gekennzeichnet. 2014 putschte die Armee ein weiteres Mal, beendete die Regierungszeit der Schwester von Thaksin, Yingluck Shinawatra, und führte das Land in eine Militärdiktatur. In den letzten Jahren war die thailändische Wirtschaft nicht nur durch die weltwirtschaftliche Lage, sondern vor allem durch die politischen Unruhen stark krisenanfällig.
Regionalwirtschaftliche Disparitäten
Thailand ist seit Langem durch starke Unterschiede zwischen der Primatregion um Bangkok und den ländlichen Räumen, insbesondere im Norden und Nordosten, gekennzeichnet. Diese Disparitäten wurden durch die Integration des Landes in die Weltwirtschaft verstärkt, da sich die Gunststandorte für die exportorientierte Industrialisierung vor allem an der Küste und im Umfeld der Hauptstadt Bangkok befinden.
Außer der Hauptstadt und ihrem unmittelbaren Umland (Extended Bangkok Region) wurde auch der westlich angrenzende Küstenstreifen (Eastern Seaboard Region) mit seinen Tiefwasserhäfen zu einem Standort der Exportindustrie. Diese beiden Regionen entwickelten sich deutlich dynamischer als die ländlich geprägten Regionen des Landes. Im Jahr 2013 erreichten fast ausschließlich Provinzen in den beiden Regionen Extended Bangkok Region und Eastern Seaboard Region ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von über 200000 Baht pro Jahr (ca. 5400 Euro).
Dezentralisierungstendenzen der exportorientierten Wirtschaft führten vornehmlich zu einer räumlichen Erweiterung der Primatregion um Bangkok und in gewissem Umfang zu einer Verlagerung der Wachstumsdynamik aus der unmittelbaren Hauptstadtregion in das Eastern Seaboard. In diesen beiden Regionen und in einigen Provinzen der Zentralregion (insbesondere Saraburi und Prachinburi) hat das produzierende Gewerbe hohe Anteile an der Bruttowertschöpfung. Die Hauptstadtregion ist darüber hinaus Standort hochwertiger...
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Fakten zum Artikel
aus: Geographie heute Nr. 336 / 2017

Südostasien

geographie heute Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 11-13