Sören-Kristian Berger

Erdrutsche in La Paz – vom Naturereignis zur Naturkatastrophe

Blick auf La Paz, Bolivien
Die Stadt La Paz in Bolivien erstreckt sich in einem Talkessel., © Shanti Hesse/Shutterstock.com

Sören-Kristian Berger

Beurteilung der Verwundbarkeit von La Paz mithilfe des Pressure-and-Release-Modells

Immer wieder kommt es in La Paz in Bolivien zu schweren Erdrutschen, die ganze Viertel zerstören und Tausende Bewohnerinnen und Bewohner obdachlos machen sowie zahlreiche Todesopfer fordern. Wie kommt es zu diesen Erdrutschen und welche Folgen haben diese für die Bewohner? Die Schülerinnen und Schüler beurteilen mithilfe des Pressure-and-Release-Modells die Verwundbarkeit von La Paz.

Sachanalyse
Der Río Chokeyapu hat einen tiefen Canyon in die Hochebene des Altiplano eingeschnitten. Über den Talkessel erstrecken sich, so weit das Auge reicht, die roten Ziegelbauten der Stadt La Paz (s. Abb. 1 ). Es sieht aus, als hätte jemand rote Farbe über dieses Tal ausgeschüttet. Die Stadt La Paz in Bolivien ist der höchstgelegene Regierungssitz der Welt. Die Stadt ist im gleichnamigen bolivianischen Departamento im Westen des Landes an der Grenze zu Peru gelegen und erstreckt sich auf Höhen von rund 3200 bis 4100 Meter ü. NN. Die Lage bietet der Stadt ein geschütztes und angenehmes Klima in dieser sonst sehr unwirtlichen Region.
Unter anderem diese begehrte Lage führte in den letzten Jahrzehnten zu einem rasanten Bevölkerungswachstum. Etwa 750000 Einwohnerinnen und Einwohner zählt die Stadt La Paz. Der zur Verfügung stehende Raum ist bedingt durch die Lage und das Relief stark limitiert. Da die Zuwanderung aus dem Umland aber weiterhin zunimmt, hat sich am oberen Rand des Talkessels bereits ringförmig eine Nachbarstadt, El Alto, mit weiteren 850000 Einwohnern angesiedelt. Deshalb zählt die Agglomeration La Paz mit rund zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern zur größten des Landes.
Wie entstehen die Erdrutsche?
Beinahe jährlich kommt es im Tal von La Paz zu schweren Erdrutschen, die ganze Viertel zerstören und durch die Tausende Bewohner obdachlos werden. Regelmäßig sind hohe Opferzahlen zu beklagen. Bedingt durch die geologische und geomorphologische Ausgangslage in Verbindung mit der intensiven Besiedlung im Tal von La Paz sind die Erdrutsche räumlich und zeitlich äußerst komplex. Ihr Vorkommen hängt stark von der Neigung des Reliefs, dem zugrunde liegenden Oberflächenmaterial sowie möglicher Fließgewässer ab.
Ein Vergleich der Häufigkeit der Erdrutsche in den letzten 40 Jahren belegt zudem die besondere Bedeutung der klimatischen Bedingungen in La Paz. Erdrutsche treten verstärkt im Sommer (Januar – März) auf, wenn die Niederschläge am höchsten sind (vgl. OHare/Rivas 2005). Diese Niederschläge treffen auf unverfestigte Sedimentablagerungen relativ junger geologischer Herkunft. Vor etwa 25000 Jahren lagerte sich hier grober Gletscherschutt ab, der wiederum von leichteren, feineren und abgerundeten fluvioglazialen Ablagerungen überdeckt worden ist. Diese traten beim Schmelzen des südamerikanischen Inlandeises vor 12000 bis 14000 Jahren auf. Wenn dieses Material durch Niederschläge, Fließgewässer oder Versickerung höher gelegener Grundwasservorkommen gesättigt wird, kommt es zu den gravitativen Massenbewegungen (vgl. OHare/Rivas 2005).
Die stärksten erdrutschgefährdeten Gebiete befinden sich daher an steilen Hanglagen mit lockerem Oberflächenmaterial. Durch diese Kombination der lockeren Sedimentablagerungen und der hohen Feuchtigkeit entsteht ein hohes Risiko für die dort siedelnde Bevölkerung.
La Paz wächst
Die räumliche Verteilung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in La Paz ist besonders. Das soziale Gefälle hängt stark mit dem Relief und damit verbundenen klimatischen Bedingungen der Wohnorte zusammen. Je höher die Lage, desto ärmer ist die Bevölkerung. Im Vergleich zu den tief im Talkessel befindlichen Wohnvierteln der wohlhabenderen Bevölkerung herrschen in den höheren Lagen teilweise bis zu 6 °C Temperaturdifferenz. Ebenso sind die Auswirkungen der Höhenkrankheit hier viel stärker zu spüren. So lebt die verwundbarste Gruppe der Paceños, wie die Bewohner von La...
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Fakten zum Artikel
aus: Geographie heute Nr. 351 / 2020

Naturrisiken

geographie heute Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 10-11