Harald Sterly

Wo bleiben eigentlich all die „Klimaflüchtlinge“?

Satellitenbild eines Hurrikans
© elRoce/Shutterstock.com

Harald Sterly

Migration als Folge des Klimawandels

Gibt es „Klimaflüchtlinge? Werden in Zukunft immer mehr Menschen ihre Heimat wegen des Klimawandels verlassen müssen? Wer sich mit dem Thema Migration und Klimawandel beschäftigt, wird früher oder später auf diese Fragen stoßen. Die Schülerinnen und Schüler analysieren die Zusammenhänge zwischen Migration und Klimawandel, indem sie Migrationsentscheidungen nachvollziehen, diese in einen globalen Bezug setzen und sich kritisch mit dem Begriff des „Klimaflüchtlings auseinandersetzen.

Sachanalyse
Migration und Klimawandel sind zwei globale Megatrends der Gegenwart und mit großer Wahrscheinlichkeit auch der nahen und mittelfristigen Zukunft. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass die Auswirkungen des Klimawandels (steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsregime, häufigere Extremereignisse etc.) die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen zunehmend negativ beeinträchtigen werden.
In den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung sind allerdings vor allem Beispiele von Vertreibungen und Flucht als Folge von plötzlichen, extremen Wetterereignissen präsent (z.B. etwa vier Millionen Migranten/temporär Vertriebene durch den Wirbelsturm Haiyan auf den Philippinen, s. Abbildung ), oder die Fälle von kleineren Inselstaaten, beispielsweise im Pazifik oder im Indischen Ozean, die aufgrund des Meeresspiegelanstiegs irgendwann komplett unbewohnbar werden könnten.
Solche Beispiele verdeutlichen auf eingängige Art den Zusammenhang zwischen Klimafaktoren und Migration aber es sind Extrembeispiele, denn selten lässt sich dieser Zusammenhang so klar und einfach nachweisen. Klima- und Umweltveränderungen wirken zusammen mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren, sie führen selten für sich allein zur Migration (vgl. z.B. Biermann 2001).
Von „Klimaflüchtlingen und „Umweltmigranten
Der Begriff „Klimaflüchtling (oder „Umweltflüchtling) wird von Migrationsforscherinnen und -forschern kritisiert, denn er ist aus zweierlei Gründen schwierig:
  • Erstens (Sachgrund) müsste für Klimaflüchtlinge (oder „Umweltflüchtling) der Klimawandel als Haupt- oder alleiniger Grund für die Wanderung nachweisbar sein. Dies ist aber nur in wenigen Fällen möglich.
  • Zweitens (rechtlicher Grund) sind Klimaflüchtlinge nicht im internationalen Recht definiert: Demnach sind Flüchtlinge Menschen, die aufgrund von Verfolgung, Menschenrechtsverletzungen oder bewaffneten Konflikten aus ihrem Heimatland fliehen.
Internationale Organisationen sprechen deshalb lieber von „Umweltmigranten, wenn Menschen abwandern (innerhalb eines Landes oder auch über Grenzen hinweg) und Umweltdegradation den Hauptgrund dafür darstellt (vgl. IOM 1996). Dies beinhaltet sowohl die Wanderung nach plötzlichen (Extrem)ereignissen (z.B. tropische Wirbelstürme), als auch aufgrund von langsamen Veränderungen (z.B. abnehmende Niederschläge, Bodenversalzung etc.).
Langsame Umweltveränderungen führen oft indirekt, beispielsweise über ihre wirtschaftlichen Effekte (v.a. in der Landwirtschaft aufgrund von abnehmenden Ernteerträgen, höheren Ausfallraten) zur Migrationsentscheidung. Selten wird dann die Landwirtschaft ganz aufgegeben, sondern einzelne Haushaltsmitglieder migrieren, um Arbeit zu finden und dadurch die Verluste auszugleichen. Dies erschwert die ursächliche Zuordnung von Migration zu Klima- und Umweltveränderungen die Grenze zwischen Umwelt- und Wirtschaftsmigranten ist dann nicht leicht zu ziehen (vgl. Biermann 2001).
Klimawandel und Migration mehr als Flucht
Die Schätzungen darüber, wie viele Umweltmigrantinnen und -migranten der Klimawandel zur Folge haben wird, gehen weit auseinander: Für das Jahr 2050 liegen sie zwischen 25 Millionen und einer Milliarde, häufig wird ein Wert von 200 Millionen zitiert (vgl. IOM 2016). Diese Werte werden jedoch von den meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sehr kritisch gesehen, denn sie basieren auf groben...
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Fakten zum Artikel
aus: Geographie heute Nr. 335 / 2017

Migration

geographie heute Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-11