Otto-Michael Blume

Hör-Seh-Verstehen: eine Kompetenz mit Zukunft

Nahaufnahme Auge
Senden und empfangen auf verschiedenen Kanälen: Im Alltag ent- und verschlüsseln Kommunikationspartner ständig akustische und visuelle Signale in Bruchteilen von Sekunden., Foto: HQUALITY–/–stock.adobe.com

Otto-Michael Blume

Perspektiven und Potenziale im Unterricht

Kurze fiktionale und nicht-fiktionale Hör-Seh-Dokumente können heute in jeder Unterrichtsreihe Jugendliche motivieren. Sie bieten darüber hinaus authentisches Erleben und ermöglichen durch ihre affektive Kraft einen ganzheitlichen Erkenntnisgewinn.

Im Grunde ist alles so leicht: Menschen befinden sich nahezu ständig in Kommunikationsprozessen, meistens in verbaler Form. Sie sprechen miteinander, lesen die Informationen anderer und schreiben selbst Botschaften. In vielen Fällen hören sie einander (wenn auch nicht immer) zu und sehen sich zugleich1, wobei die Höraktivität dominant erscheint2.
Stets ent- und verschlüsseln Kommunikationspartner akustische und visuelle Signale in Bruchteilen von Sekunden, senden bzw. empfangen somit Botschaften auf verschiedenen Kanälen, wobei manches zumindest eine Zeit lang, bisweilen auch dauerhaft ungeklärt bleibt (abhängig von inneren Einstellungen, Haltungen, Hintergründen). Nicht zu leugnen ist, dass die non-verbale, analoge Kommunikation für den Erfolg bzw. den Misserfolg der Kommunikationsabsicht von enormer Bedeutung ist (s. Meißner 2014: 24).
Abgrenzung von Hör- und Hör-Seh-Verstehen
Im Alltag sind rein akustisch kodierte Botschaften inzwischen recht selten und stets medial vermittelt (Ausnahme: Kommunikation mit stark sehbehinderten Partnern). Sieht man die o.g. interpersonale Kommunikation als den Normalfall an, so stellt das Gespräch am Telefon weiterhin die klassische Form einer rein auditiv ablaufenden, medial vermittelten Kommunikation dar (Ausnahme z.B. Skype-Gespräche). Andere rein auditive Medien wie Radio, MP3-Player im Smartphone, Hörbücher u.a.m. sind dagegen nicht interaktiv angelegt: Die Botschaft wird empfangen, doch erhält der Sender keine unmittelbare Rückmeldung.3 „Der Begriff des Hörsehverstehens erfasst besser als der des Hörverstehens, was alles zum Verstehen gesprochener Sprache herangezogen werden kann. (Klein, Wassilios 2013: 5). (Vgl. dazu auch Kasten1.)
1. Kommunikation im Fokus
1. Kommunikation im Fokus
  • Kommunikation verläuft überwiegend mündlich und interpersonal, wobei die Kommunikationspartner sich dabei im Normalfall zugleich sehen und hören.
  • Visuell kodierte Botschaften sind für eine holistische Betrachtung von Kommunikation in hohem Maße bedeutsam.
Im Französischunterricht
Auch der Französischunterricht strebt mit dem Ziel der interkulturellen Handlungsfähigkeit ein Kommunikationsniveau an, das rezeptive wie produktive, mündliche wie schriftliche, dazu methodische, sprachbetrachtende und interkulturelle Kompetenzen umfasst. Allerdings ist die fremde Sprache mit einem neuen Zeichensystem verbunden, sodass der Weg zu L1-ähnlicher Kommunikation in Schule langsam und systematisch aufgebaut wird.
Auf der Ebene der akustisch bzw. audiovisuell kodierten Informationen funktionieren Hör-Seh-Verstehen und Hör-Verstehen nach dem gleichen Prinzip: Bei Bottom-up geht es um Aufnahme der entsprechend kodierten Daten in unser Wahrnehmungssystem und ihre Umwandlung in abstrakte Repräsentationen. Top-down-Prozesse steuern die Interpretation der ankommenden Daten auf der Basis unseres Weltwissen, unserer Erwartungen, Motivationen sowie unserer Emotionen.
Hör-Verstehen
Da sich die Phonetik der französischen Zielsprache fundamental von der der deutschen Ausgangssprache unterscheidet, ist in der frühen Spracherwerbsphase eine intensive Konzentration auf die Bottom-up-Prozesse notwendig, um etwa mit Hilfe von Micro-Listening-Aufgaben Konsonanten und Vokale zu identifizieren, Silbenstrukturen, Wortgrenzen, Chunks, Satzstrukturen zu erkennen etc.4 Gerade die Segmentierung der Wörter stellt eine Hauptschwierigkeit beim Hören fremdsprachiger Texte dar (Porsch/Grotjahn/Tesch 2010: 152). Mit dem Erlernen der Fremdsprache kommt auch eine neue Welt auf die Lernenden zu. Das Weltwissen aus dem L1-Erwerb für die Interpretation der eingehenden Daten reicht nicht...
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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Französisch Nr. 163 / 2020

Hör-Seh-Verstehen

Kennzeichnung Premium-Beitrag aus "Unterricht Französisch" Methode & Didaktik Schuljahr 6-13