Markus Buschhaus

« Déraciner les habitants des villes »

Flüchtlingstreck, Kambodscha 1975
Männer, Frauen und Kinder Anfang 1975 auf der Flucht in Kambodscha., Foto: Bettmann–/–gettyimages

Markus Buschhaus

Exilerfahrungen des kambodschanischen Künstlers Rithy Panh

Orte des Exils müssen im Alltag der Exilierten kommunikativ bewältigt werden und können zugleich auch in solche Worte gefasst werden, die das vermeintlich Eigene und das vermeintlich Fremde in Bewegung bringen. Dieser für die interkulturelle Handlungsfähigkeit im Französischunterricht wesentlichen Aufgabe hat sich die Literatur seit jeher verschrieben.

Nein: Das heutige Kambodscha ist kein französischsprachiges Land. Selbst wenn es von der Organisation Internationale de la Francophonie auch 2019 noch offiziell als solches ausgewiesen wird, spricht in Kambodscha seit Jahrzehnten jenseits touristischer Motivation kaum jemand mehr Französisch. Nichtsdestotrotz trägt das Land ein frankofones Erbe in sich, das sich weder aktuell auf Croissants und Macarons in Szenelokalitäten der Hauptstadt Phnom Penh noch historisch auf mehr oder weniger exotische Reiseberichte und Romane berühmter Autoren wie Pierre Loti oder André Malraux beschränkt. Vielmehr wird es gerade durch zeitgenössische Beiträge derer offenbar, die genuine Exilerfahrungen seit den für das Land verhängnisvollen 1970er Jahren gemacht haben und in der kambodschanischen Diaspora etwa Frankreichs, Kanadas oder der Schweiz aufgewachsen sind. Und darüber in französischer Sprache berichten. Dazu gehören unter anderem der Autor und Filmemacher Rithy Panh und der Comiczeichner Tian
Allein in Frankreich leben heute geschätzt 100.000 Menschen in der kambodschanischen Diaspora. ‚Wir wissen so gut wie nichts über ‚sie werden sie doch entweder willkürlich als Vietnamesen verbucht oder gar in imaginären Chinatowns verortet. In allen Schulbüchern, aufbereiteten Lektüren und fachdidaktischen Diskussionen sind sie nicht nur sprachlos, sondern inexistent. Freilich: Migration und literarische Produktion aus Ländern des Maghreb und Subsahara-Afrikas erweisen sich als ungleich größer und aktueller. Was aber, wenn auch die kambodschanische Diaspora für den Französischunterricht einen Beitrag leisten könnte zu geläufigen Themenfeldern wie Francophonie et héritage colonial oder Immigration et intégration?
Die Stadt und das Exil erzählen
„La littérature joue un rôle majeur dans le travail dimaginer, dire et faire la ville, heißt es treffend in einem Identité urbaine, identité migrante betitelten Aufsatz (Mata Barreiro 2004, 39). Doch einfach ist das mitunter nicht. Denn einerseits ist es unbestritten, dass Metropolen als Ankunftsorte gelten und mithin in besonderem Maße Exilerfahrungen begünstigen können. Andererseits genügt ein Blick auf Phnom Penh 1975 wie es in einem BD von Tian im Jahre 2013 rückblickend dargestellt wird (s.fdt1 ) , um das ganze Ausmaß des Gegenteils vor Augen zu führen: geräumte Gebäude, leere Bürgersteige, zurückgelassene Fahrzeuge. Nur ein camion militaire belebt die von den Roten Khmer evakuierte Geisterstadt. Was für eine Metropole also ist hier noch vorstell- und sagbar und wer wird an ihr weiterbauen? Sicher: Ein Foto aus dem Jahre 2019 verspricht eine eher versöhnliche Antwort. Aber dazwischen liegt genau jene Geschichte, liegen genau jene Geschichten, welche in Panhs LÉlimination von 2013 angerissen werden.
Rithy Panh zwischen den Orten
Kasten 1 Rithy Panh
Kasten 1 Rithy Panh
Der Autor und Filmemacher Rithy Panh, 1964 in Kambodscha geboren, lebt und arbeitet heute zwischen Phnom Penh und Paris. Er verliert unter dem Terrorregime der Roten Khmer (197579) seine Eltern, flieht 1979 über Thailand nach Grenoble, wird französischer Staatsbürger und studiert ab 1985 an der École Nationale Supérieure des métiers de limage et du son in Paris. Erst in den 1990er-Jahren kehrt er aus dem Exil in die alte Heimat zurück.
In seinen mehrfach preisgekrönten Arbeiten beschäftigt er sich vorrangig mit dem kulturellen Gedächtnis an die Zeit der Roten Khmer etwa in Dokumentarfilmen wie S21, la machine de mort khmère rouge (2003) oder Exil...
Unterricht Französisch
Sie sind bereits Abonnent?

Mein Konto

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

Unterricht Französisch abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Französisch Nr. 164 / 2020

Identités: langues et cultures

Kennzeichnung Premium-Beitrag aus "Unterricht Französisch" Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 11-13