Almut Steinlein

Die Schule des weiblichen Blicks

Eine Frau steht am Strand und blickt aufs Meer.
Blick aufs Meer wie bei Caspar David Friedrich: Héloïse (Adèle Haenel) am Strand (01:35:09)., Foto: PORTRAIT DE LA JEUNE FILLE EN FEU de Céline Sciamma© 2019 Lilies Films–/–Hold-Up Films & Productions–/–Arte France Cinéma

Almut Steinlein

Anhand des Films Portrait de la jeune fille en feu die Frage nach der Gleichstellung im Kulturbetrieb stellen

Durch Céline Sciammas Film setzen sich Lernende mit Gleichstellungsfragen im Kulturbetrieb auseinander. Sie untersuchen Geschlechterrollen in Film und Malerei in Bezug auf den republikanischen Wert der égalité.

Die César-Verleihung 2020 war in mehrfacher Hinsicht unerhört: Alain Terzian, der Direktor der Académie des Césars, trat zwei Wochen vor der Zeremonie nach massiver Kritik an seinem patriarchalen Führungsstil, der wenig Platz für Parität und Diversität ließ, zurück. Die zwölffache Nominierung von Jaccuse, dessen Regisseur Roman Polanski sich mehreren Vergewaltigungsvorwürfen ausgesetzt sieht, entfachte heftigste Reaktionen in der französischen Öffentlichkeit. Und die Filmbranche schien am Abend der Verleihung gespalten wie nie zuvor. Als Polanski tatsächlich den César für die beste Regie erhielt, verließ die Schauspielerin Adèle Haenel zusammen mit der Regisseurin Céline Sciamma aus Protest den Saal. Haenel war im November 2019 mit Missbrauchsvorwürfen gegen einen anderen Regisseur an die Öffentlichkeit gegangen und zu einer Galionsfigur der MeToo-Bewegung geworden.
Adèle Haenel ist eine der beiden Hauptdarstellerinnen in Sciammas neunfach nominierten Film Portrait de la jeune fille en feu, der (fast) ausschließlich weibliche Figuren inszeniert und von einem (fast) ausschließlich weiblichen Filmteam umgesetzt wurde. Eine Auseinandersetzung mit diesem Film ermöglicht es Schülerinnen und Schülern, die männliche Prägung künstlerischer Produktion und Repräsentation zu hinterfragen. Die hier vorgestellte Unterrichtseinheit knüpft thematisch an das Erbe der französischen Revolution und den republikanischen Wert der égalité an, den die französische Gesellschaft aktuell in der intensiv geführten Gleichstellungsdebatte neu verhandelt.
Parenthèse enchantée als historische Folie
Die Regisseurin Céline Sciamma gilt als feministische Stimme des französischen Kinos. Den Sexismus der männlich dominierten Filmindustrie prangert die Einundvierzigjährige seit Jahren an. Nach der Weinstein-Affäre hat sie das Collectif 50/50 mitgegründet, das sich für eine größere Parität im französischen Kino engagiert. Die Themen ihres Œuvres körperliches Begehren, sexuelle Identität und weibliche Selbstbestimmung versteht Céline Sciamma gleichermaßen politisch wie sinnlich. Die Auflehnung gegen gesellschaftliche Verbote und Zuschreibungen aus ihrem letzten Film Bande de filles (2014) schreibt die Filmemacherin in Portrait de la jeune fille en feu in einem historischen Setting im späten 18. Jahrhundert fort (s. Kasten1). Auf einer bretonischen Insel soll die Pariser Malerin Marianne (Noémie Merlant) das Porträt von Héloïse (Adèle Haenel) anfertigen, das für deren zukünftigen Ehemann bestimmt ist. Da sich Héloïse als Modell verweigert, um dem Schicksal der arrangierten Hochzeit zu entkommen, muss Marianne sie im Geheimen malen und wird ihr als ihre neue Gesellschafterin vorgestellt.
Die Protagonistin Marianne hat keine bestimmte Malerin zum Vorbild, ist aber dennoch realistisch. Nicht zufällig wählt Sciamma die Zeit um 1770 für ihre Geschichte. Denn die Epoche bildete in der französischen Malerei eine einzigartige parenthèse enchantée (vgl. Sofio 2016), in der Frauen in relativer Gleichstellung zu Männern diesen Künstlerberuf ausüben durften. Zwar wurde Frauen die Aktmalerei als unmoralisch verboten und somit die hochangesehenen Themen der Historienmalerei verwehrt. Dennoch wuchs das öffentliche Interesse an der Feminisierung des künstlerischen Feldes (ebd.: 99f.). Élisabeth Vigée Le Brun, die im Alter von 24 Jahren bereits ein erstes Porträt von Marie-Antoinette anfertigen durfte, avancierte zu einem Star der damaligen Pariser Künstlerszene (vgl. Kertanguy 2015: 58). Trotzdem überdauerte das Werk der meisten Künstlerinnen seine Zeit nicht: „LHistoire ne les oublie pas, elle les...
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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Französisch Nr. 167 / 2020

Le film francais: Regarde-moi ca!

Kennzeichnung Premium-Beitrag aus "Unterricht Französisch" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 10-13