Johannes Wilts

AVA heißt Je désire

Szene aus dem Film "AVA"
Szene aus dem Film "AVA", Foto: F Comme Film / Trois Brigands Productions

Johannes Wilts

Ein Mädchen in finsteren Nächten und ewiger Sonne: die adolescence in Léa Mysius Film AVA

Ladolescence in AVA steht dieser Lebensabschnitt unter düsteren Vorzeichen. Umso fulminanter ist der Ausbruch der Hauptfigur aus dieser Dunkelheit. Im Unterricht reflektieren die Lernenden moderne Zivilisationskritik und Freiheitssuche und analysieren deren filmische Umsetzung.

Drei Buchstaben, ein Palindrom: AVA das hat etwas Geheimnisvolles, noch zu Ergründendes. Die Titelfigur des Erstlingsfilms von Léa Mysius, der 2017 im Rahmen der Semaine de la Critique in Cannes uraufgeführt wurde, ist dieses geheimnisvolle Wesen: ein 13-jähriges Mädchen, das sich selbst als sombre et invisible beschreibt und weit davon entfernt ist, einen unbeschwerten Sommer an der Atlantikküste zu verbringen. In das grellbunte Wimmelbild zu Beginn des Films, voller Sonnenschirme, Kühltaschen, Plastikbälle und Schwimmnudeln, mitten in das ausgelassene Treiben am Strand drängt sich ein schwarzer Hund als dunkler Vorbote eines Sommers, in dem die mysteriöse Ava nicht nur der drohenden Erblindung (sie leidet unter einer Retinitis pigmentosa) den Kampf ansagt, sondern auch der Abhängigkeit von ihrer distanzlosen Mutter. Statt sich ihrem Schicksal zu fügen, stellt sie sich ihm mit der Unerschrockenheit einer Kriegerin entgegen und ergründet sich dabei selbst: „Il paraît quAva, ça veut dire ‚je désire mais je désire quoi? fragt sich Ava, und der Film geht dieser Frage sehr konsequent nach. Avas Gesichtsfeld verengt sich zunehmend, an den Rändern versinkt alles mehr und mehr in Schwarz. Die Frage, soll sie noch im Lichte des Sichtbaren (dies gilt für Ava wie auch für das Kino) geklärt werden, drängt also und duldet keine Kompromisse. Ava will sehen, will verstehen, will das Augenlicht nutzen, um sich neu zu erfinden und dem Leben etwas abzuringen. So erzählt der Film eine unerschrockene Suche nach Selbstbestimmung, nach einem Platz in der Welt außerhalb gängiger Rollenangebote und nach den eigenen, auch sinnlichen Bedürfnissen. Da im Leben (wie im Kino) manchmal „nicht viel Zeit [bleibt], bis das Licht erlischt (Buss 2018), folgt die Regie der Entwicklung des Mädchens mit einer beeindruckenden Kühnheit: Während der Film zu Beginn noch in einem realistischen Setting bleibt, so geht er in der zweiten Hälfte Avas erwachenden Bedürfnissen und Wünschen mit den Mitteln des Road-Movies und des Märchens nach. Ava „möchte die Welt wieder magisch machen und der Film folgt ihr dabei (Mysius 2018: 8) über alle Genregrenzen hinweg.
Orientierung im Film
Der Film widmet mehr als die Hälfte seiner Erzählzeit der ernsteren, bisweilen aber heiter erzählten Thematik des Kampfes um Selbstbestimmung vor der Drohkulisse von Erblindung und mütterlichen Vereinnahmungen. Dann aber setzt der Film auch atmosphärisch einen Kontrapunkt, indem er eine Welt zeigt, die von Freiheitsrausch, unbändiger Lebenslust und dem Versprechen von einem Ort für Liebende erzählt, die der Gesellschaft den Rücken zugewandt haben. Der Film, so könnte man vereinfachend sagen, hat eine Nacht- und eine Sonnenseite: „Ava est un film solaire sur un monde qui sombre (Schaller 2019). Genau diese Nacht- und Sonnenseite des Films soll den Ausgangs- und Mittelpunkt für die unterrichtlichen Aktivitäten bilden.
Activités avant et pendant le visionnage
Die Dreiteilung unterrichtlicher Aktivitäten in „vor, während und danach hat sich mittlerweile als gleichsam unumstößliches Prinzip der Filmdidaktik etabliert (vgl. Wilts 2008: 5). Ergänzend zu diesen Überlegungen erscheint es angebracht darauf hinzuweisen, dass insbesondere die ersten beiden Phasen stringent ineinandergreifen und übergeordnete Fragestellungen zu dem Film aufwerfen sollten. Zu beachten ist ferner, dass die zweite Phase („während) latent Gefahr läuft, kontraproduktiv zu sein, wenn die dabei gestellten Aufgaben so detailliert, umfangreich und womöglich noch schreiborientiert sind, dass sie von...
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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Französisch Nr. 167 / 2020

Le film francais: Regarde-moi ca!

Kennzeichnung Premium-Beitrag aus "Unterricht Französisch" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 10-13