Ruth Fischer | Jan Harig | Malte Holler | Caterina Zwilling

Was ist eigentlich Antisemitismus?

Zündstoff Vorurteile
Zündstoff Vorurteile , © Lightspring/shutterstock.com

Ruth Fischer | Jan Harig | Malte Holler | Caterina Zwilling

Einführende Methoden

Viele Schüler*innen verbinden Antisemitismus mit der NS-Zeit. Der Beitrag vermittelt, in welcher Form Antisemitismus in der Gegenwart vorkommt und zeigt, dass dieser bereits in der christlichen Judenfeindschaft wurzelt und über die Jahrhunderte in immer neuen Kontexten gepflegt wurde. Die Schüler*innen lernen, Antisemitismus zu erkennen, seine Auswirkungen zu reflektieren und Strategien des Widerspruchs zu entwickeln.

Antisemitismus ist eine Ideologie, deren Wurzeln weit in die europäische Geschichte zurückreichen. Als soziale Praxis zielt Antisemitismus auf Ausgrenzung und Verfolgung bis hin zum Mord ab. Im Holocaust fand er einen grausamen Kulminationspunkt. Auch heute ist Antisemitismus in zum Teil „klassischen, zum Teil aktualisierten Erscheinungsformen virulent und äußert sich zunehmend auch wieder in Form offener Diskriminierung und Gewalt.
Zum Begriff des Antisemitismus
Der Begriff Antisemitismus wurde 1879 zur Selbstbezeichnung von deutschen Antisemit*innen geprägt. Mit dieser wissenschaftlich anmutenden sprachlichen Neubildung wollte man sich von religiös motivierten Formen der Judenfeindschaft absetzen und die eigene Ideologie als verstandesmäßig begründete Weltanschauung präsentieren. Die Wortprägung ist somit Zeichen einer veränderten Auffassung von „den Juden, „die nun nicht mehr primär über ihre Religion definiert werden, sondern als Volk, Nation oder Rasse1.
Sowohl im allgemeinen Sprachgebrauch als auch im Fachdiskurs wird der Terminus heute oft auf Formen der Judenfeindschaft ganz unterschiedlicher historischer Epochen bezogen. Demgegenüber steht eine vor allem in der Geschichtswissenschaft verbreitete Begriffsverwendung, die zwischen dem modernen Antisemitismus, wie er sich im Laufe des 19. Jahrhunderts herausbildete, und älteren Formen der Judenfeindschaft unterscheidet.
Unbestritten ist, dass ohne eine Kenntnis der jahrhundertealten antijüdischen Tradition eine Analyse aktueller antisemitischer Phänomene nicht gelingen kann. Denn die unterschiedlichen Formen des Ressentiments haben sich im Zeitablauf nicht gegenseitig abgelöst, sondern vielmehr überlagert und miteinander verwoben. Dabei wurden überkommene Bilder aktualisiert und in neue Kontexte integriert.
Wie andere Vorurteilskomplexe und Rassismen beruht Antisemitismus auf der Differenzkonstruktion „Wir“ /„die anderen und steht in keinem Zusammenhang mit tatsächlichen Eigenschaften oder Handlungen der als anders abgestempelten Individuen: Antisemit*innen definieren selbst, was in ihren Augen „jüdisch ist. Ihre Ideologie richtet sich also gegen ein konstruiertes Bild „des Juden, das sich aus Zuschreibungen, Stereotypen und Vorurteilen generiert. Dieser Konstruktionscharakter ändert freilich nichts an der Tatsache, dass der antisemitische Wunsch nach Ausgrenzung, Unterdrückung oder – im extremen Fall nach Vernichtung auf konkrete Menschen abzielt.
Charakteristisch für den Antisemitismus seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist die Identifizierung „der Juden mit bestimmten abgelehnten und unverstandenen Momenten der Moderne. Auf die zunehmend abstrakten gesellschaftlichen Funktionsmechanismen wird mit der Suche nach konkret Schuldigen reagiert, die man für die vermeintlichen und tatsächlichen Zumutungen der modernen Gesellschaft verantwortlich machen kann. „Die Juden werden in der antisemitischen Vorstellung als machtvolle und untereinander verschworene Gruppe fantasiert, die für alle politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Probleme verantwortlich sein soll. So nimmt der moderne Antisemitismus die Qualität einer Welterklärung an. Diese welterklärende Funktion ist eine Spezifik des Antisemitismus, die ihn von anderen Vorurteilskomplexen unterscheidet.
Antisemitismus muss jedoch nicht zwangsläufig als geschlossenes Weltbild auftreten, sondern kann sich auch in Form von Fragmenten eines solchen Weltbildes...
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aus: Ethik und Unterricht Nr. 4 / 2020

Radikalisierung

Premium-Beitrag der Zeitschrift "Ethik & Unterricht" Unterricht Schuljahr 8-13