Kurt Edler

Umgang mit Radikalisierungsphänomenen

Mit Kommunikation Hass überwinden
Mit Kommunikation Hass überwinden, © Lightspring/shutterstock.com

Kurt Edler

Empfehlungen für den Umgang mit jugendlichen Gefährdeten

Dieser Beitrag schaut sowohl auf das Phänomen der Radikalisierung als auch auf den Umgang damit. Er verarbeitet Erfahrungen aus dem Klassenzimmer, der Krisenintervention, der Schulleitungsberatung, der Lehrendenfortbildung und der Zusammenarbeit mit Sicherheitsbehörden und unabhängigen Präventionsprofis. Als sinnvoll erscheint es, dass wir uns nicht nur dem zuwenden, was in dem gefährdeten jungen Menschen vor sich geht, sondern auch den Vorstellungswelten und Reaktionsweisen seiner institutionellen Umgebung.

Wer die Beklommenheit und Verzweiflung eines schulischen Auditoriums erlebt hat, das um einen Schüler trauert, der „zum IS gegangen und dort ums Leben gekommen ist, kann nachvollziehen, warum der Ruf nach Radikalisierungsprävention so rasch laut wird. Nicht zuletzt die Gleichaltrigen fragen sich erschrocken, wer wohl in ihrem Jahrgang der Nächste ist. Der Ruf nach vollständiger Gefahrenabwehr wird auch dort laut, wo ein Gymnasium den polizeilichen Staatsschutz einschaltet, weil ein Schüler in einer WhatsApp-Gruppe rassistische Videos geteilt hat. Auch wenn die Ausreise in den Dschihad kein Hype mehr ist es gibt für die Schulen auch gegenwärtig so manchen Grund, nervös zu werden. Sie sind in Sorge um das Wohl der Jugendlichen, um den Ruf der Schule, aber auch um die Zukunft unserer Demokratie. Aus der Nervosität jedoch können Impulse entstehen, die eine vernünftige und wirksame Präventionspraxis verhindern.
Ziel dieser Zeilen ist die Förderung der Selbstwirksamkeit bei der besonnenen Arbeit in einem Feld, das politisch-emotional hoch aufgeladen ist und in dem Fehlentscheidungen fatale Folgen haben können. Um dafür zu sensibilisieren, müssen wir den Blick auf die Schule ab und zu verfremden.
Was wir gelernt haben
Ob wir nur auf die Jahre bis zum 11. September 2001 zurückblicken oder, darüber hinaus, auf zwölf davor liegende Jahre, also zurück bis zur Wiedervereinigung und den rechtsextremistischen Exzessen der frühen 1990er-Jahre – eines ist ganz offensichtlich zu resümieren: Terrorismus und Extremismus sind im Wandel und ihre Bekämpfung auch. Kriegslagen ändern sich, Gesellschaften stellen sich auf neue Bedrohungen ein, Medien stricken ihre eigenen Narrative und die Gefährder wechseln Parolen, Kostüme und (Nachrichten-)Kanäle.
Eigentlich ist es sonderbar, dass die Radikalisierungsprävention nicht im staatlichen Kerncurriculum aller Schulen verankert ist, sondern zumeist in Projektform von externen Bildungsanbietern an die Schulpädagogik herangetragen wird. Aber die serielle Erörterung des Themas hat sich aus verschiedenen Gründen nicht bewährt: Lehrkräfte waren verängstigt und überfordert, polizeiliche Standardvorträge verpufften in der Aula, Schulleitungen wollten die heiße Kartoffel nicht anfassen. Vor allem aber lag letztlich fast jeder Fall anders.
So hat sich unter Präventionsprofis immer mehr die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein Erfolg der eigenen Arbeit von zwei Bedingungen abhängt: von der pädagogischen Kompetenz der Bezugspersonen der gefährdeten Jugendlichen und von der Systemqualität der einzelnen Schule.
Politische Emotionen im pädagogischen Verhältnis
Wenn man häufig an Schulen beratend zu Gast ist, erlebt man, dass sie mit ähnlichen Herausforderungen ganz unterschiedlich umgehen. Eine unserer wichtigsten Erfahrungen ist: Ein gutes Schulklima kann einen individuellen Radikalisierungsprozess dämpfen oder sogar unterbinden; wo jedoch Störungen im pädagogischen Verhältnis vorliegen oder gar ein ganzes Kollegium eine schlechte Meinung über die eigene Schülerschaft hat, kann eine Radikalisierung angeheizt werden. Ein junger Mensch, der in seiner Entwicklungsphase gerade mit sich und der Welt über Kreuz liegt, ist nicht nur extrem empfindlich, sondern neigt auch zu ungünstigen Deutungen von Erwachsenenreaktionen. Er ist, auch wenn er selbst munter „austeilt, leicht kränkbar. Wenn er mein Lehrerverhalten...
Ethik und Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Ethik und Unterricht Nr. 4 / 2020

Radikalisierung

Premium-Beitrag der Zeitschrift "Ethik & Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 5-13