Christian Czybulka

Sag was! … aber wann und wie?

Christian Czybulka|Tobias Gralke|Frederic Jäger

Rechtspopulistischen Aussagen radikal höflich entgegentreten

Der Beitrag des Vereins „Tadel verpflichtet! e.V. beschreibt das rechtspopulistische Weltbild, erklärt die Grundprinzipien der radikalen Höflichkeit und macht anhand seiner Erfahrungen aus mehrjähriger Workshoparbeit Vorschläge, wie sich das Konzept handlungsorientiert im Schulunterricht vermitteln lässt.

Viele kennen solche Situationen: Im Freundeskreis schimpft eine Person plötzlich über die „Flüchtlingswelle und die sogenannten „Gutmenschen. Die anderen Anwesenden schweigen betreten. Sie wollen widersprechen, wissen aber nicht wie. Der Verein „Tadel verpflichtet! e.V. unterstützt Menschen dabei, sich in solchen Alltagssituationen im Büro, im Bus, in der Fußgänger*innenzone oder in der Familie zurechtzufinden und radikal höflich zu widersprechen, wenn rechtspopulistische Argumente und Sprachbilder benutzt werden.
Rechtspopulismus verstehen
Um rechtspopulistische Aussagen zu erkennen, ist es wichtig, die Mechanismen hinter einzelnen Argumentationsmustern und Sprachbildern zu verstehen. Das rechtspopulistische Weltbild (siehe M 1) basiert auf einer Trennung zweier konstruierter Gruppen: „Wir und „die anderen. Das „Wir steht für das angeblich einheitliche „Volk, obwohl Rechtspopulist*innen weder die Bevölkerungsmehrheit noch alle Bevölkerungsgruppen vertreten. Diesem gegenüber steht die zweite konstruierte Gruppe: „Die anderen, die als Feindbilder und Bedrohung beschrieben werden, vor der „das Volk sich (mit Gewalt) schützen müsse. „Die anderen teilen sich im rechtspopulistischen Weltbild wiederum in zwei Gruppen: Zum einen werden Politik- und Medienschaffende sowie auch Wissenschaftler*innen als „die da oben, als „Eliten oder „Lügenpresse verunglimpft. Ihnen wird vorgeworfen, sie würden „den Volkskörper ausnutzen und sich selbst bereichern. Zum anderen gelten im Rechtspopulismus Menschen als Feindbilder, die eine andere Herkunft, Religion, „Hautfarbe, Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung oder politische Einstellung als die „Wir-Gruppe haben.1 Um dieses Weltbild glaubhaft zu machen, benutzen Rechtspopulist*innen oft Verschwörungserzählungen, vereinfachte Darstellungen komplexer Sachverhalte und Fake News. So verbreiten sie Misstrauen und Hass und erzeugen eine gewaltvolle Stimmung gegen „die anderen, vor deren Hintergrund Terroranschläge wie in Halle, Hanau oder Christchurch (Neuseeland) ausgeübt werden. Nach außen versuchen Rechtspopulist*innen dabei gleichzeitig oft, sich als „bürgerlich und „vernünftig zu inszenieren. Sie behaupten, der Verfassung treu zu sein, hetzen aber bei jeder Gelegenheit gegen „die anderen und stellen ihre Grundrechte (z.B. Presse- und Religionsfreiheit) aggressiv infrage. Das rechtspopulistische Weltbild ist also menschen- und demokratiefeindlich.
Rechtspopulistische Sprache erkennen
Oft wird dieses Weltbild aber auch von Menschen verbreitet, die es gar nicht vollständig teilen oder ihm sogar widersprechen. Das hat damit zu tun, dass vielen die Bedeutung einzelner Begriffe nicht bewusst ist oder sie Sprache für nicht so wichtig halten. Sprache ist aber nie neutral, sondern formt unser Denken und Handeln. Insbesondere rechtspopulistische Sprache nimmt gezielt Einfluss darauf, wie wir bestimmte Menschengruppen und politische Themen wahrnehmen und welche Entscheidungen wir für richtig und angemessen halten. Die „Flüchtlingswelle stellt zum Beispiel Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, als Naturkatastrophe dar. Die Rede von der „Klimahysterie verharmlost die Klimakrise und stellt Klimaschutzaktivist*innen (in frauenfeindlicher Begriffstradition) als krankhaft dar. Der Begriff der „Homo-Lobby verunglimpft LGBTQIA*-Personen als intrigante Mächte und spricht ihnen so implizit ihre Grundrechte ab. Rechtspopulistische Sprache ist entmenschlichend, ausgrenzend und diskriminierend. Sie versucht, zu provozieren, Themen...
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Fakten zum Artikel
aus: Ethik und Unterricht Nr. 4 / 2020

Radikalisierung

Premium-Beitrag der Zeitschrift "Ethik & Unterricht" Unterricht Schuljahr 8-13