Eva Müller

Lockdown-Museum

Kreativer Umgang mit den Auswirkungen der Pandemie
Kreativer Umgang mit den Auswirkungen der Pandemie, © Florin Cristian Ailenai/istockphoto.com

Eva Müller

Was bleibt von Corona?

Welche Erfahrungen haben wir in der Corona-Pandemie gemacht? Was prägt, was bleibt in der Erinnerung? Jüngere Schülerinnen und Schüler erschließen sich diese Fragestellung mit einem „Corona-Museum, für die Sekundarstufe II ermöglicht ein Interview mit dem Soziologen Hartmut Rosa eine reflektierte Auseinandersetzung.

Der Begriff hat ohne Zweifel das Potenzial zum Wort des Jahres: Lockdown Ausgangssperre für das gesamte öffentliche Leben in Zeiten von Corona. Schulen, Betreuungseinrichtungen schlossen, sogar Spielplätze wurden abgesperrt. Homeoffice war angesagt und überhaupt sollten die Menschen in ihren eigenen vier Wänden bleiben: #StayAtHome. Von Mitte März bis Mitte Juni stand das Leben in Deutschland still. Jedenfalls partiell.
Der Wirtschaftswissenschaftler Dietrich Henckel sieht das Charakteristische des Lockdowns in einer „Entstrukturierung der Zeit. Die Tage zerfließen, der übliche Rhythmus löst sich auf1, andere z.B. der Soziologe Hartmut Rosa spricht von Entschleunigung der Zeit, während eine Kollegin entnervt feststellt: „Bei mir ist von Entschleunigung keine Rede. Ich war selten so erschöpft wie jetzt. Wie der Lockdown z.B. beim Thema „Zeitmanagement auf die Menschen wirkte, war sehr unterschiedlich und hing mit vielen Aspekten zusammen, u.a. auch damit, ob die (erzwungene) Ruhe die berufliche Existenz zu kosten drohte. Was aber in jedem Fall spürbar war, war die abrupte Veränderung des gewohnten Tagesablaufes, der beruflichen Tätigkeit und der sozialen Kontakte, die eine veränderte Perspektive auf die Normalität bis dato ermöglichte oder ermöglicht hätte.
Auf der gesellschaftlichen Ebene wurde Corona häufig mit einem „Brennglas verglichen, das den Blick auf die Schwachstellen und Stärken des Systems schärfte. Während Corona-Erfahrungen auf der gesellschaftlichen Ebene also als Chance begriffen werden, Veränderungen einzuleiten und den Vor-Corona-Zustand zu verbessern, scheint man auf persönlicher Ebene unhinterfragt möglichst schnell wieder zum Vor-Corona-Zustand zurückkehren zu wollen. Die eigene Lebensweise wurde selten kritisch auf den Prüfstand gestellt und wenn, wurde das Ergebnis schnell vergessen. In diesem Unterrichtsvorschlag werden die Schülerinnen und Schüler dazu angeregt, dies nachzuholen (oder sich wieder in Erinnerung zu rufen), um über die Erfahrungen zu reflektieren und sie zu bewerten.
Vielleicht liegt das schnelle Vergessen auch daran, dass uns die Worte fehlen für die Analyse dessen, was wir erlebt haben. Hartmut Rosa Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Autor des Buches „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehungen war jedenfalls ein gefragter Interviewpartner während des Lockdown, denn er bietet Begriffe an, mit denen unsere Beziehung zur Welt in und nach Corona beschrieben und verstanden werden kann.
Als Grundmodus lebendigen menschlichen Daseins bezeichnet er unsere Fähigkeit, mit der Welt in Resonanz zu treten, sich von ihr berühren zu lassen und sie zu berühren. Nur in diesem Modus der Resonanz „ergebnisoffen, ohne Zweck, im Modus des Hörens und Antwortens kann Neues und Unerwartetes entstehen (vgl. M3 ).Durch die „Zwangsentschleunigung während des Lockdowns sei eine Voraussetzung geschaffen worden, solch eine Resonanzbeziehung zu entwickeln.
Ein Gefühl der Entfremdung dagegen stelle sich bei Menschen ein, die sich überwiegend in Kontexten bewegen, die ihnen „stumm (d.h. gleichgültig oder sogar latent feindlich) gegenüberstehen. Diese Form der Weltbeziehung ist laut Rosa leider der Regelfall. Sie resultiere daraus, dass die moderne Gesellschaft die Welt systematisch wissenschaftlich erschließen und damit für sich verfügbar machen wolle. Zu dem aber, was komplett verfügbar sei, könne keine Resonanzbeziehung aufgebaut werden. Die Welt sei dann „stumm und dem Menschen entfremdet. Glück dagegen erfahren wir, wenn wir Unverfügbarem gegenüberstehen ...
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Fakten zum Artikel
aus: Ethik und Unterricht Nr. 3 / 2020

Corona – Herausforderung an die Ethik

Premium-Beitrag der Zeitschrift "Ethik & Unterricht" Unterricht Schuljahr 5-13