Markus Pfeifer

Zwischen Selbstverlust und Selbstbesinnung

Analoge Kommunikation?
Analoge Kommunikation?, © Leszek Glasner/123rf.com

Markus Pfeifer

Philosophische Implikationen der Kontaktsperre

Soziale Insolation eine Chnace zur Selbstbesinnung oder ein Verlust an Nähe? Was bedeutet das für Jugend-liche, die über die sozialen Medien in Kontakt stehen? Anhand ausgewählter Texte werden Vorzüge und Nachteile des Zurückgeworfenseins auf sich selbst dargestellt und die Schülerinnen und Schüler zur Reflexion ihrer eigenen Situation während der Ausgangsbeschränkungen angeleitet.

Zeit ist nur ein Gummiband, das man zwischen Menschen spannt, singt Stella Sommer, Sängerin und Texterin der Band Die Heiterkeit in dem Song Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert.1 Der Text fängt die Stimmung ein, in der sich wohl eine Vielzahl Jugendlicher während der Kontaktsperre befunden hat. Die Zeit als bildliches Gummiband, gespannt zwischen Menschen, verlängert sich durch das Social Distancing: Der Abstand zu anderen Menschen dehnt die Zeit und generiert Langeweile.
In der darin angemerkten sozialen Bezogenheit auf andere klingt Aristoteles Feststellung des sozialen Wesens Mensch an: „Wer aber nicht in Gemeinschaft leben kann, oder ihrer, weil er sich selbst genug ist, gar nicht bedarf, ist kein Glied des Staates und demnach entweder ein Tier oder ein Gott. Darum haben alle Menschen von Natur in sich den Trieb zur Gemeinschaft [].2 Sie sind demnach in ihrem Menschsein wesentlich auf andere Menschen angewiesen. Nietzsche wird dem später entgegenhalten: „Um allein zu leben, muss man ein Thier oder ein Gott sein sagt Aristoteles. Fehlt der dritte Fall: man muss Beides sein Philosoph.3 Zurückgezogenheit und Einsamkeit werden damit aufgewertet zur Grundlage gelungener Kontemplation und Selbstbesinnung. In dieser exemplarischen Gegenüberstellung steht soziale Isolation in philosophischer Hinsicht im Spannungsverhältnis von Selbstverlust und Selbstbesinnung.
Hinweise zur Unterrichtsgestaltung
Den aufgezeigten Zwiespalt in der menschlichen Grundverfassung greift der Einstieg über das Satiremagazin Der Postillon auf (M1 ). Gezeichnet wird darin ein Bild Jugendlicher zwischen sozialer Isolation und Interaktion. Einerseits sind sie durch den Umgang mit sozialen Medien stets miteinander vernetzt und aufeinander bezogen. Andererseits aber nutzen sie reale Begegnungen nicht zur tatsächlichen Interaktion. Der Einstieg erfolgt über diesen Postillon-Artikel und ermöglicht den Lernenden darüber sowohl eine Reflexion der eigenen Erfahrungen während der Kontaktsperre als auch eine erste philosophische Problematisierung, inwiefern der Mensch überhaupt des Kontakts zu anderen bedarf oder doch ein Einzelgänger ist.4
Die philosophische Auslotung erfolgt über vier Positionen, von denen je zwei die Vorzüge der Zurückgezogenheit propagieren und je zwei die Abhängigkeit von anderen Menschen stark machen. Eine grundlegende und durchgehend positiv zu wertende Verwiesenheit auf Andere verdeutlicht Byung-Chul Han anhand von Michael Endes Momo, woraus er eine Ethik des Zuhörens ableitet (M3 ). Eine ähnliche Dimension eröffnet Peter Bieri, wobei in seinen Ausführungen der andere auch Abhängigkeiten stiftet und einen potenziell von sich selbst entfremden kann (M2 ). Die Positionen, die die Vorzüge der Zurückgezogenheit betonen, werden exemplarisch von Nietzsche und Seneca bezogen. Nietzsche nimmt eine klare Abwertung von Menschen vor, die der Zerstreuung und geregelten Arbeit bedürfen, und zeichnet die Künstler und Denker aus, die sich der Zurückgezogenheit und Langeweile stellen (M4 ). Seneca rät zwar auch dazu, sich in sich selbst zurückzuziehen, dies jedoch vor allem vor dem Hintergrund einer stoischen Ethik: Vermieden werden soll, von dem sicheren eigenen Pfad der sittlichen Lebensführung abzuweichen, wenn Andersdenkenden begegnet wird. Damit aber meint er keinen vollständigen Kontaktabbruch, sondern er empfiehlt den Kontakt zu denen, „die dich besser machen werden(M5 ).
Eine Auseinandersetzung mit den Texten und deren Bewertung erfolgt mittels eines...
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aus: Ethik und Unterricht Nr. 3 / 2020

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