Anita Rösch

Von konstruktiver und destruktiver Empörung

Empört euch!
Empört euch!, © Jakkrit Orrasri/shutterstock.com

Anita Rösch

Wenn Haltung radikal wird

Berechtigte Empörung zu äußern und mit dieser Reaktion auf empfundenes Unrecht zum Handeln aufzurufen, ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Demokratie. Doch u.a. beschleunigt durch die Verbreitung über soziale Medien droht die politische Diskussionskultur von Hate-Speech und Gewalteskalationen untergraben zu werden. Ausgehend von den Essays Stéphane Hessels beleuchtet die Unterrichtseinheit das Verhältnis von Empörung und Moral, Widerstand und Toleranz und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft.

Empörung ist das Schlagwort im aktuellen politischen Diskurs und in der Situationsbeschreibung der derzeitigen bundesdeutschen Gesellschaft. Der Journalist Jakob Augstein betitelte seinen 2019 erschienenen Dokumentarfilm mit dem Titel Die empörte Republik1. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen charakterisiert die Situation der aktuellen Gesellschaft als „Übergang von der Mediendemokratie zur Empörungsdemokratie2.
Was zunächst positiv zu sein scheint mehr Menschen können sich auf leicht zugängliche Weise an aktuellen Debatten beteiligen, eigentlich der Inbegriff von Demokratie , entgleitet häufig in Destruktivität und Hass. Warum? Dazu soll zunächst auf die Ursprünge des Empörungsbegriffs geschaut werden.
Empörung als moralisches Gefühl und Aufruf zum Handeln
2010 veröffentlichte der 93-jährige Stéphane Hessel sein Essay Empört euch!3 Hessel fasst in diesem kurzen Text die Quintessenz seines politischen Lebens zusammen. Als Mitglied der Résistance wurde Hessel 1944 gefangen genommen, nach Buchenwald deportiert und zum Tode verurteilt. Nur durch Glück überlebte er. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete er für die UNO und nahm an Sitzungen der Menschenrechtskommission teil. Vor allem für Entwicklungshilfe, Demokratie und Menschenrechte setzte er sich zeit seines Lebens ein. In seinem Essay beklagt Hessel heutige Verletzungen der Menschenrechte, die immer weiter wachsende Schere zwischen Arm und Reich und die Zerstörung unseres Planeten und fordert zum Widerstand auf.
Was versteht Hessel unter Empörung? Empörung bedeutet für ihn, Missstände wahrzunehmen und sich für ihre Beseitigung zu engagieren. In einem zweiten Büchlein mit dem Titel Engagiert euch!4 führt er dies weiter aus. Nur wer sich empört, erhält einen Anstoß zum Handeln, d.h., Empörung und Handlung zum Zwecke der Änderung und Verbesserung gehören für Hessel untrennbar zusammen. Empörung ist nicht ohne Verantwortung denkbar.
„»Ohne mich« ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann. Den »Ohne mich«-Typen ist eines der absolut konstitutiven Merkmale des Menschen abhandengekommen: die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement.5 „Macht euch klar, was euch stört und empört, und dann versucht herauszufinden, was ihr konkret dagegen unternehmen könnt.6
Hessels Verständnis von Empörung deckt sich mit einem philosophischen Empörungsbegriff. Empörung ist ein moralisches Gefühl, die Reaktion auf Unrecht, das einem selbst oder anderen gegenüber empfunden wird. Empörung stellt sich immer dann ein, wenn Normen verletzt werden, deren Befolgung man selbst für wichtig hält.7 Es geht dem Empörten also nicht um subjektive Empfindungen, sondern um grundlegende und gravierende Normverstöße. Die Beseitigung der Normverstöße wird häufig an eine Instanz abgetreten. So hofft das Kind, das sich über Gemeinheiten eines anderen Kindes empört, dass Erwachsene die Situation lösen. Erwachsene versuchen durch politisches Engagement oder ihr Wahlverhalten, Veränderungen herbeiführen zu können. Was hat sich daran geändert?
Eine aggressiv moralisierte Debattenkultur mit dem Ziel, andere mundtot zu machen, hat sich ausgebreitet.
Die empörte (digitale) Gesellschaft
Das Internet könnte ein Ort von Basisdemokratie sein, weil sich jeder leicht zugänglich beteiligen kann. Gruppen bekommen hier eine Stimme, die früher keine Zugänge zur Öffentlichkeit hatten. Initiativen vernetzen sich und machen...
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aus: Ethik und Unterricht Nr. 4 / 2020

Radikalisierung

Premium-Beitrag der Zeitschrift "Ethik & Unterricht" Unterricht Schuljahr 9-13