Yanni Fischer

Rassismuskritische Bildungsarbeit

Alltagsrassismus
Alltagsrassismus, © picture alliance/C3788 Wolfram Steinberg

Yanni Fischer

Impulse für den Unterricht

Der Beitrag beschreibt die vielfältigen Erscheinungsformen von Alltagsrassismus und macht deutlich, wie tief dieser in unbewussten Denk- und Verhaltensmustern wurzelt. Die Unterrichtseinheit will die Schüler*innen für diese Stereotype sensibilisieren und sie befähigen, eine kritische Grundhaltung gegen Rassismus zu entwickeln.

Eine rassismuskritische Bildungsarbeit geht, anders als eine antirassistische Pädagogik, davon aus, dass es keinen Ort „außerhalb des Rassismus gibt, von dem aus Rassismus bekämpft werden könnte, sondern dass die Kritik an Rassismus auch immer die eigene Verwobenheit in rassistische Verhältnisse und Strukturen mitdenken muss.1 Stereotype, Vorurteile, Fremdzuschreibungen sowie ausgrenzende Denk- und Handlungsmuster werden oft ungewollt reproduziert. Um nicht einer selbstgerechten moralischen Gewissheit zu verfallen, gefeit von Rassismus zu sein, muss das eigene Handeln im Kontext von gewachsenen Strukturen, aktuellen Debatten und Dominanzverhältnissen reflektiert werden.
Dies betrifft auch die kritische Revision der eingesetzten Unterrichtsmaterialien wie Schulbücher, Arbeitsblätter und digitalen Medien, aber ebenso die Reflexion der eigenen bewusst und unbewusst ausgelebten Privilegien und Dominanzansprüche. Dabei geht es nicht darum, sich selbst oder andere des Rassismus zu bezichtigen oder zu überführen, sondern (oftmals unbewusste) gesellschaftliche Hierarchisierungen als verinnerlichte Muster aufzuspüren und sie zu „verlernen.
Diese Unterrichtseinheit setzt den Fokus auf folgende drei Ebenen: das Hinterfragen der eigenen und gesellschaftlichen Macht- und Dominanzverhältnisse, das Erkennen von Rassismus als strukturelles Problem und die Schaffung von Räumen und Gelegenheiten für junge Menschen, um sie dabei zu stärken, eine Grundhaltung zu entwickeln und sich gegen Rassismus einzusetzen.
Insgesamt geht es bei dieser Unterrichtseinheit weniger um eine klare Einordnung, ob Handlungen und Taten nach einer wissenschaftlichen Definition rassistisch sind oder nicht, sondern darum, die Schüler*innen in ihrer rassismuskritischen Haltung zu stärken und für (strukturelle und interpersonelle) Verletzungen zu sensibilisieren. Es ist wichtig, die Expertisen der Jugendlichen anzuerkennen, ihnen den Zugang zu Diskursen zu ermöglichen, Orientierung anzubieten und Reflexionsprozesse anzuregen.
Thematisierung von Rassismus im Unterricht2
Der pädagogische Raum ist ein sehr dynamisches Kommunikations- und Handlungsfeld, in dem alle Beteiligten sowohl die Verantwortlichen als auch die Adressat*innen von Bildungsprozessen unterschiedliche Positionen einnehmen können. Die Positionen Betroffener, Beteiligter und Ausübender sind nicht statisch und essenziell, sondern mobil, situativ und kontextabhängig. Als Ausübende sind im Handlungsfeld die Initiator*innen oder Mitwirkenden einer konkreten und verletzenden Handlung beschrieben, welche Betroffene von Rassismus generiert. Mittelbar Beteiligte einer Handlung beschreiben keine homogene Gruppe. Egal ob als Zuschauer*innen, Mitleidende oder Helfende, als Ermöglichende, Zustimmende oder Profitierende: In allen Fällen sind sie Teil der Handlung. Jede Person hat im Prinzip schon einmal jede dieser drei Rollen eingenommen, je nach Kontext und Situation. Es geht also nicht um Identitäten, sondern um erlebte Erfahrungen!
Gerade im Bereich von Verletzungen des Gleichwertigkeitsprinzips (z.B. durch Kulturalisierungen und Rassismus) ist es für pädagogisch Verantwortliche wichtig, Diskriminierungs- und Verletzungserfahrungen – unabhängig vom konkreten situationsbezogenen Handeln genauso anzuerkennen und ernst zu nehmen wie verletzendes oder diskriminierendes Verhalten immer zu unterbinden.
Alle Mitwirkenden lernen aus den Handlungen, die den pädagogischen Raum, die Menschen, die in ihm agieren, oder die Prinzipien, die es rahmen (z.B. das Gleichwertigkeitsprinzip), verletzen:...
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Fakten zum Artikel
aus: Ethik und Unterricht Nr. 4 / 2020

Radikalisierung

Premium-Beitrag der Zeitschrift "Ethik & Unterricht" Unterricht Schuljahr 8-13