Barbara Stroop

Symptomfrei infiziert – krank oder gesund?

Wer definiert, was "normal" ist?
Wer definiert, was "normal" ist?, © Mark Lynch/toonpool.com

Barbara Stroop

Die philosophische Betrachtung unterschiedlicher Konzeptionen von „Krankheit und „Gesundheit

Ob jemand als krank oder gesund gilt, kann weitreichende Implikationen haben von Pflichten wie Quarantäne bis hin zu Rechten wie der Lohnfortzahlung. Dennoch herrscht alles andere als Einigkeit darüber, welche Zustände als „krank und welche als „gesund gelten. Von der Corona-Pandemie ausgehend, lädt dieser Beitrag die Lernenden zu einer philosophische Debatte um eine angemessene Definition dieser Termini ein.

Es werden viele Personen positiv getestet, die aber möglichweise gar nicht krank werden1, so beschrieb Armin Laschet, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, am 7. Mai 2020 im ARD extra zur Corona-Lage ein wichtiges Ergebnis der Heinsberg-Studie. Damit schien für Laschet Folgendes festzustehen: Eine Person, die per Test nachgewiesen an Corona infiziert ist, aber nicht an Symptomen leidet, ist gesund. Treten aber Symp-tome auf, so ist sie krank. Ist es wirklich so einfach? Gilt eine Person erst dann als krank, wenn sie an Symptomen leidet? Wie verhält es sich bei einer Person, die sich über Symptome beklagt und zugleich negativ auf Corona getestet wurde? Allgemein gesprochen: Es ist alles andere als eindeutig, nach welchen Kriterien jemand als krank oder gesund gilt. Die Zuschreibung von Krankheit oder Gesundheit hat jedoch in vielen Fällen weitreichende Konsequenzen und die Begriffe haben damit einhergehend eine hohe normative Signifikanz. Gilt jemand als „krank, so hat er beispielsweise einen prima-facie-Anspruch auf spezifische medizinische Leistung, die ihm im Falle von Gesundheit verwehrt würden. Auch wenn die Kategorisierung in „krank oder „gesund in erster Linie zu den alltäglichen Aufgaben der Ärzteschaft zählt, ist die Suche nach Kriterien für beide Kategorien eher konzeptueller Natur und damit eine Aufgabe der Philosophie. Hier gibt es einen regen Diskurs2 u.a. zwischen Anhängern objektivistischer Theorien und Vertretern einer konstruktivistischen Position. Es ist das Ziel des Unterrichtsvorhabens, die Schülerinnen und Schüler für die Problematiken zu sensibilisieren, die aus der Frage nach einer angemessenen Definition von „Krankheit und „Gesundheit resultieren.
Die Sequenz beginnt von der Corona-Pandemie ausgehend mit einer ersten Annäherung an die Konzepte „Krankheit und „Gesundheit. Die Lernenden erhalten Informationen über drei potenzielle Patienten (M1 ) und müssen diese den Kategorien „krank und „gesund zuordnen. Hierbei wird ihnen deutlich, dass die Zuordnung und die Nennung von Kriterien für diese Kategorien keineswegs eindeutig sind und nach einer tiefergehenden Auseinandersetzung verlangen. Das Experteninterview mit dem Philosophen Thomas Schramme (M2 ) verdeutlicht im Anschluss die Notwendigkeit dieser Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Definitionen von Krankheit und Gesundheit. Hieran schließt sich in den darauffolgenden Stunden die Erarbeitung zweier unterschiedlicher Theorien zu den Konzepten „Krankheit und „Gesundheit an: die biostatische Theorie und die holistische Theorie (M3 , M4 ). Diese können sowohl nacheinander als auch arbeitsteilig untersucht werden. Ein Cartoon (M5 ) zur Relativität von Normalitätsvorstellungen beleuchtet die Thematik aus einer konstruktivistischen Perspektive. Abschließend befassen sich die Schülerinnen und Schüler kritisch mit dem Phänomen der Medikalisierung.
Zu der Autorin
Dr. Barbara Stroop unterrichtet Philosophie und Englisch am Helmholtz-Gymnasium in Essen.
barbara-stroop@gmx.de
Anmerkungen
1Armin Laschet, transkribiert von ARD extra: Die Corona-Lagevom 07.05.2020, 06:36 Min. unter: https://www.ardmediathek.de/daserste/player/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTk4YWU5M2Y3LTIyZmQtNGQyYS1hMWM1LWEyOTc1MTk0MmVhNQ/ard-extra-die-corona-lage
2Siehe z.B. Schramme, Thomas (Hrsg.), Krankheitstheorien. Berlin 2012
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aus: Ethik und Unterricht Nr. 3 / 2020

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