Klassiker der Weltliteratur

Quarantäne?
Quarantäne?, © birdys/photocase.com
In Zeiten der Corona-Pandemie haben zwei Klassiker der Weltliteratur Hochkonjunktur Albert Camus Roman Die Pest und Die Stadt der Blinden von José Saramago. Beide Romane beschreiben das Aufkommen einer Epidemie in einer Stadt und den Umgang von Regierung und Bevölkerung mit dieser Situation.
Die Pest
Camus Roman entstand 1947. In der Stadt Oran bricht die Pest aus. Der Arzt Bernard Rieux erreicht gegen den anfänglichen Widerstand der Stadtverwaltung, dass die ganze Stadt unter Quarantäne gestellt wird. Der Roman beschreibt das Leben in diesem abgeschlossenen Mikrokosmos bis zum Ende der Epidemie und der Wiederöffnung der Stadt. In diesem Mikrokosmos zeigen sich eine Vielzahl von Verhaltensweisen: anfängliches Nichtfürwahrhalten, zunächst zögerliche, dann immer drastischere Maßnahmen im Kampf gegen die Krankheit, ungenügende medizinische Kapazitäten, das Zählen der Infizierten und Toten, wirtschaftliche Not, Menschen, die sich am Elend der anderen zu bereichern versuchen, sowie gelebte Solidarität und Hilfsbereitschaft. Beim Lesen erscheint es teilweise, als lese man eine Beschreibung Deutschlands zu Zeiten von Corona. Wären nicht die abweichenden Krankheitssymptome, schienen manche Passagen austauchbar zu heutiger Berichterstattung. Bei allen Parallelen darf jedoch nicht vergessen werden, dass Camus seinen Roman als Allegorie für die braune Pest des Nationalsozialismus schrieb.
Die Stadt der Blinden
Saramago schrieb seinen Roman 1995. Er gilt als Antwort auf Camus. In einer Stadt erblindet am helllichten Tag ein Mann in seinem Auto. Er sieht nur noch weiß. Alle Menschen, mit denen er in Kontakt kommt, erblinden ebenfalls, sodass sich diese Seuche in Windeseile in der Stadt verbreitet. Die Stadt weiß sich nicht anders zu helfen, als diese Menschen zu isolieren, und bringt sie in einer verlassenen Irrenanstalt unter. Unter den Internierten befindet sich auch eine Sehende, die ihren Mann unter Vortäuschung eigener Blindheit in die Isolierung begleitet. Das Szenario, das Saramago entwirft, ist der Gegenentwurf zu Camus. Mit aller Härte und Unmenschlichkeit geht die Regierung gegen die Erblindeten vor. Sie werden nur notdürftig mit Nahrungsmitteln versorgt und sind, hilflos wie sie sind, vollkommen auf sich allein gestellt. Die Soldaten, die sie bewachen sollen, erschießen in ihrer Panik einige Bewohner. Eine Gruppe der in Quarantäne Befindlichen nutzt die Situation aus, um die übrigen um ihren gesamten Besitz zu erpressen und die Frauen zu vergewaltigen, die sich nur durch Ermordung des Anführers zu helfen wissen. Schließlich sind auch die Soldaten alle erblindet und haben das Gelände verlassen. Die Blinden verlassen die Irrenanstalt und erfahren, dass die ganze Stadt erblindet ist und sich die verzweifelten Bewohner durch Plünderungen am Leben zu erhalten versuchen. Auf den letzten Seiten des Romans erlangen die Blinden nach und nach ihre Sehkraft zurück. Über die Ursache der Erblindung und Wiedergenesung erfährt man nichts.
Die Blindheit bei Saramago ist zu lesen als eine Metapher für die Unfähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden. So heißt es im Roman „[] bitte fragt mich nicht, was das Gute und was das Böse ist, wir wussten es immer, als die Blindheit noch eine Ausnahme war []. Ich glaube nicht, dass wir erblindet sind, ich glaube, wir sind blind, Blinde, die sehen, Blinde, die sehend nicht sehen.
Die Menschenbilder von Camus und Saramago unterscheiden sich diametral. Camus Roman gilt als Botschaft der Bescheidenheit, Nächstenliebe, Solidarität und Verantwortungsübernahme. Tugenden, mit denen sich gemeinsam der Kampf gegen die Krankheit gewinnen lässt. Saramago dagegen schildert eine Gesellschaft voller Barbarei. Dies gilt sowohl in der Stadt als auch in der Irrenanstalt. Jeder ist sich im Kampf um das Überleben selbst der Nächste. Brutalität und Egoismus sind die Eigenschaften, die die Menschen am Leben erhalten. Alles Zivilisierte fällt von ihnen ab. In der Not zeigt sich...
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Fakten zum Artikel
aus: Ethik und Unterricht Nr. 3 / 2020

Corona – Herausforderung an die Ethik

Premium-Beitrag der Zeitschrift "Ethik & Unterricht" Unterricht Schuljahr 11-13