Alexander Hallet

Sprache visuell gestalten: Mit Collagenlyrik die language awareness fördern

Illustration: Alexander Hallet

Alexander Hallet

Die Collagentechnik stammt ursprünglich aus den Bildenden Künsten. Verschiedenartige Elemente und Materialien wie Papier, Pappe, Laub, Folie, Wörter aus Zeitungen oder Zeitschriften heterogen in Beschaffenheit, Farbe, Größe und Schrift werden zu einem ‚Klebebild zusammengefügt und ergeben eine neue, einzigartige Komposition. Die Kubisten und Surrealisten im 20.Jahrhundert etablierten diese Technik. Picasso erweiterte z.B. einzelne seiner Gemälde durch das Aufkleben von Papier und Tapete, Max Ernst verwendete Druckgraphiken zur Gestaltung seiner Bilder.
Das Nebeneinander, die Parallelität heterogener, inkonsistenter Elemente spiegelt auch die Inkohärenz wahrgenommener Eindrücke. Nur logisch erscheint es daher, dass sich im 20.Jahrhundert auch die literarischen Dadaisten und Expressionisten dieser Technik bedienen und den Simultanstil zum gattungspoetologischen Merkmal dieser Zeit werden lassen: Der parataktische Simultanstil verdeutlicht formal die Koexistenz nicht mehr zu vereinender Eindrücke in der beschleunigt-entfesselten Anfangszeit der (literarischen) Moderne. Die dadaistischen Klanggedichte sind als radikale Ausdrucksform für ein Gefühl von einer sich sinnentleerenden Welt zu verstehen. Es ist daher konsequent, diese Technik auch für das Produzieren lyrischer Texte zu verwenden, deren bildhafte Sprache Analogien zur Bildenden Kunst aufweist.
Auch die Nobelpreisträgerin Herta Müller hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht, die ausschließlich Collagengedichte enthalten. Dabei entstehen die Gedichte während des ‚Schreibens bzw. Klebens der ausgeschnittenen Wörter. Herta Müller sagt dazu: „Es ist der intensivste Kontakt mit Sprache, weil man jedes Wort einzeln anfassen muss. Überhaupt ist diese Arbeit sinnlich. Und sie ähnelt in vielem dem wirklichen Leben: der Zufall, durch den sich die Wörter treffen. (Müller 2019: 4/5).
Im Englischunterricht fördert die Beschäftigung mit Collagenlyrik das Sprachenlernen, die language awareness und die poetischen Kompetenzen der Lernenden.
Spiel mit Sprache
Durch die Zufälligkeit der Begegnung mit den vorhandenen fremdsprachlichen Wörtern können die Lernenden mit deren Bedeutung experimentieren. Das betrifft auch die Syntax und die Grammatik. Neben gewöhnlich, sprachlich ‚richtigen Anordnungen können die Lernenden aber auch ganz neue Bedeutungshorizonte aufwerfen. Ein Merkmal lyrischer Texte ist es ja gerade, sich von konventionellen Sprachmustern zu lösen und neue metaphorische Räume zu öffnen. Indem die Lernenden selbst solche semantisch, syntaktisch, grammatikalisch mitunter neuartigen Text-Bild-Kompositionen entwerfen, befinden sie sich schon während des Erschaffens in einem Sprachreflexionsprozess. Dieses Sondieren, Selektieren und Experimentieren mit Wortschnipseln steht im Mittelpunkt dieser Methode und unterscheidet sie von der Praxis, bereits bestehende Gedichte zu ergänzen oder Parallelgedichte zu verfassen.
Werden die von den Schülerinnen und Schülern selbst erstellten Collagen im Unterricht anschließend vorgestellt und besprochen, kann die Reflexion über Sprache noch einmal explizit gemacht werden. Das kann grammatische Fragen betreffen, indem z.B. die Texte mit geltenden Regeln und Normen abgeglichen werden, das kann aber auch semantische Fragen betreffen (change of meaning, evoked images, new/irritating/strange mental concepts etc.). Dieser metasprachliche Diskurs ist sicher eine Herausforderung und ist vermutlich nur mit höheren Jahrgangsstufen anzustreben.
Bildsprachliche Performanz
Die Collagentechnik ermöglicht es in ganz besonderer Weise, Bild und Sprache ineinander zu verweben. Die ‚Bildsprache ist hier wörtlich zu verstehen. Die Collagen sind eigene Bilder, die aus Worten bestehen. Diese auf Papier, Pappe oder Zeitung aufgedruckten Wörter sind selbst Bestandteil des Bildes. So wird Sprache selbst visuell dargestellt und ist gleichzeitig Medium der visuellen Gestaltung.
Die Lernenden...

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Englisch Nr. 168 / 2020

Performing poetries

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 5-13