Andreas Hensel

Impulse für eine zeitgemäße Wortschatzarbeit im altsprachlichen Unterricht

Karteikarten mit lateinischen Vokabeln und kleinen Zeichnungen
Den Schülern sollten individuelle Möglichkeiten zur Sicherung des Wortschatzes gegeben werden, z.B. mithilfe von Karteikärtchen., Redaktion AU

Andreas Hensel

Die Wortschatzarbeit gehört zu den zentralen Aufgaben eines jeden Fremdsprachenunterrichts. Mehr noch als in den modernen Fremdsprachen aber, bei denen durch die mündliche Kommunikation eine ständige Umwälzung des Wortschatzes erfolgt, hat der Latein- und Griechischunterricht besondere Herausforderungen zu bewältigen, und so hat sich die fachdidaktische Literatur immer wieder mit diesem Thema auseinandergesetzt und dabei didaktische Ausrichtung und methodisches Repertoire der Wortschatzarbeit reflektiert (vgl. grundlegende Literatur am Ende des Basisartikels).
Ziele der Wortschatzarbeit
Die Wortschatzarbeit ist verzahnt mit allen wichtigen Handlungsfeldern des Faches. So können die Lernbereiche „System Sprache, Texterschließung und -übersetzung sowie Interpretation ohne die Dimension des Wortschatzes nicht gestaltet werden.
Der Anspruch an die Wortschatzarbeit ist klar formuliert und weitgehend unstrittig. So beschreibt der Lehrplan Latein S I von 2008 in Rheinland-Pfalz am Ende der Jahrgangsstufe 8 (Latein II) als einschlägige Kompetenzen:1
  • die Beherrschung eines Grundwortschatzes von 800 – 1000 Wörtern,
  • die Aussprache lateinischer Wörter unter Berücksichtigung der Quantitäten,
  • das Strukturieren des erlernten Vokabulars nach vorgegebenen Kategorien (wie Wortfeldern, Sachfeldern, Wortarten usw.),
  • die Kenntnis wesentlicher Wortbildungsmuster und Lautgesetze sowie deren Anwendung zur Erschließung von Wortbedeutungen,
  • die Reflexion über die Beziehungen zwischen dem lateinischen und deutschen Wortschatz sowie zwischen dem lateinischen Wortschatz und dem anderer Fremdsprachen in Bezug auf Herkunft, Verwandtschaft und Bedeutungswandel,
  • das in Beziehung zueinander Setzen von Bedeutungen eines lateinischen Wortes miteinander,
  • die Erweiterung des deutschen Wortschatzes beim kontrastiven Sprachvergleich sowie eine damit verbundene Präzisierung des Ausdrucks in der Muttersprache und
  • das Verfügen über ein vielfältiges methodisches Repertoire, den Wortschatz zu erlernen und zu festigen.
Diese Ziele zielen zum einen auf eine am Ende der Lehrbuchphase zu erreichende Lektürefähigkeit ab, zum anderen beinhalten sie eine Reihe von Lerntechniken und strukturellen Ordnungsmustern, die beim Erwerb und der Sicherung des Wortschatzes helfen.
Die divergierende Unterrichtswirklichkeit Rahmenbedingungen, Schüler, Lehrer
So anspruchsvoll diese Ziele anmuten, so weit ist die Unterrichtswirklichkeit oft von ihnen entfernt. So muss es die Aufgabe der Fachdidaktik sein, das Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu minimieren.2 Hierzu sind praxistaugliche didaktische und methodische Überlegungen anzustellen.
Ein Blick auf die Ursachen der spezifischen Probleme in den alten Sprachen soll den Ausgangspunkt liefern. Hier sind vor allem Defizite im Bereich Motivation und Methodik auf Schülerseite sowie die schulischen Rahmenbedingungen anzusprechen:
Bereits die Lern(-vermeidungs-)strategien von Schülern sind ein Spiegel der defizitären Wortschatzarbeit und zeigen, dass dieses Lernfeld auf Schülerseite meist negativ konnotiert ist.
  • Neue Vokabeln werden aus dem Lehrbuch oft mechanisch abgeschrieben.
  • Schüler lernen Vokabeln häufig am Tag vor Überprüfungen und nur für diese. Eine nachhaltige Verfügbarkeit des Wortschatzes kann so nicht erzielt werden.
  • Schüler lernen Vokabeln oft in einem durch Reizüberflutung geprägten Umfeld. Über die Kopfhörer wird Musik eingespeist, das TV-Gerät oder der Computerbildschirm beleuchten das Geschehen, das Vokabelheft liegt auf einem unaufgeräumten Schreibtisch, der lateinische Text, aus dem die Wörter stammen, ist nicht aufgeschlagen, oft sind gar Bus oder Schultreppe der Lernort.
  • Meist dominiert zudem stupides Pauken der „Wörtergleichungen im Vokabelverzeichnis das Lernen. (Text-)bezüge werden kaum hergestellt, ein Gefühl der Selbstverantwortung für den eigenen Wortschatz oder eine Wertschätzung der einschlägigen Kenntnisse trifft man selten...

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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 2 / 2018

Wortschatzarbeit 3

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 5-13