Almut Küppers

To be or not to be … German enough

Subtil und häufig nicht so gemeint, aber dennoch kränkend: Mit dramapädagogischen Mitteln erkunden die Lernenden unter dem Hashtag #MeTwo veröffentlichte Alltagsdiskrimierungen
Subtil und häufig nicht so gemeint, aber dennoch kränkend: Mit dramapädagogischen Mitteln erkunden die Lernenden unter dem Hashtag #MeTwo veröffentlichte Alltagsdiskrimierungen , Bild: © picture-alliance/dieKLEINERT.de

Almut Küppers

Diskriminierungen und Alltagsrassismus ergründen und sprachmitteln

„Politikunterricht, 9. Klasse: Der Lehrer zieht über Erdogan her. Ich so einziger Kanacke in der Klasse. ‚Oh, Meryem, bei dir müssen wir ja darauf achten, was wir sagen. ‚Herr Schmitz, ich stamme aus Pakistan. ‚Ja trotzdem‘“. Unter dem Hashtag #MeTwo teilen Menschen ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus in Deutschland. Die Lernenden untersuchen diese critical incidents mit dramapädagogischen Methoden und sprachmitteln das Gesagte sowie das mutmaßlich Gedachte und Gefühlte für eine nicht-deutschsprachige Person.

Ausgrenzungserlebnisse und Alltagsdiskriminierungen stehen im Zentrum dieser Unterrichtseinheit, deren Ziel es ist, Konfliktsituationen im Alltag als Grundlage für Mediationsübungen zu nutzen. Jugendliche der Sekundarstufe I werden mit dem Thema Alltagsrassismus eigene Erfahrungen verbinden können, weil sie selbst davon betroffen oder (oft auch unbewusst) daran beteiligt sind. Die Fähigkeit, diese subtilen Ausprägungen struktureller Diskriminierungsverhältnisse erkennen und reflektiert damit umgehen zu können, ist Bestandteil kultureller Mittlungssituationen. Somit wird in dieser Einheit auch an lebensweltliche Mediationserfahrungen angeknüpft, in der Mediation wie im Companion Volume (vgl. Council of Europe 2018) als social agency verstanden wird. Eine zusätzliche Brechung erhält die Thematik durch die erweiterte Perspektive einer Austauschschülerin und eines geflüchteten Mitschülers, denen neben Alltagsrassismus auch eine weitere Facette der deutschen Gesellschaft vermittelt werden soll: das Ideal einer lebendigen Zivilgesellschaft, die sich u.a. gegen Rassismus und Vorurteile wehrt.
#MeTwo-Erlebnisse in Deutschland
Deutschland ist ein Einwanderungsland, in dem laut Statistischem Bundesamt (2017) knapp jede/r vierte einen sogenannten Migrationshintergrund hat. Viele dieser Menschen wie die Comedienne Idil Baydar mit ihrer Figur Jilet Ayse („Deutschlands Immigrationsalptraum zum Anfassen) möchten sich jedoch nicht von anderen erklären lassen müssen, wie Deutsch sie sind. Sie lehnt die Zuschreibung „mit Migrationshintergrund grundweg ab. Der Integrationspreisträger Mesut Özil trat im Sommer 2018 mit dem Zitat „I am German when we win but I am an immigrant when we lose aus der Fußballnationalmannschaft zurück. Tausendfach wurden im Anschluss daran Stimmen hörbar, die an seine Erfahrungen anknüpften und auf dem Twitter account #MeTwo von Alltagsdiskriminierungen berichteten. An diesem virtuellen Ort teilen Menschen „mit Migrationsgeschichte, die in Deutschland leben, arbeiten und häufig hier geboren sind, ihre alltäglichen Erfahrungen mit kleinen und großen Diskriminierungen auf dem Wohnungsmarkt, bei der Jobsuche oder beim Stoßen an gläserne Decken. Eine Bemerkung wie „Du sprichst aber gut deutsch kann als Kompliment gemeint sein, aber auch als verbale Ausbürgerung wahrgenommen werden. Die eigentliche Verletzung entsteht hier weniger durch das Gesagte als durch das Nichtgesagte und unbewusst Erwartete, nämlich „irgendwie dachte ich, es wäre schlechter.
Critical incidents dramapädagogisch ergründen und sprachmitteln
Die auf #MeTwo dargestellten Situationen sind jeweils nur Teil einer persönlichen Geschichte, die vermutlich in den meisten Fällen critical incidents sind, weil eine Begegnung in einem Missverstehen mit Verletzungen endet obgleich diese Folgen so vielleicht nie beabsichtigt waren. Aufgrund ihres Polarisierungspotenzials und der Zementierung des „wir und „ihr ist die #MeTwo-Bewegung in der Öffentlichkeit auch heftig kritisiert worden. Viele Deutsche fühlten sich zu Unrecht als rassistisch eingestuft. Ausgewählte, kurze #MeTwo-Texte können somit als authentische Dokumente genutzt werden, um das Konfliktpotenzial der sie umgebenden Geschichte dramapädagogisch zu ergründen, auszuleuchten und sie zur Grundlage für Mediationsübungen zu nutzen.
In Klassen, die als Gruppen gut...

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Englisch Nr. 161 / 2019

Cultural mediation

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-10