Alexander Hallet

Perform poetry and you’ll be a true poet!

Auch außersprachliche Mittel wie Körpersprache und Beleuchtung unterstützen die Performance: Yugen Blakrok mit ihrer superpowerpoetry
Auch außersprachliche Mittel wie Körpersprache und Beleuchtung unterstützen die Performance: Yugen Blakrok mit ihrer superpowerpoetry, Foto: Mirko Lux

Alexander Hallet

Lyrische Texte vortragen und verstehen

Lyrik lebt davon, (mündlich) vorgetragen, gehört und gesehen zu werden entweder live oder als Aufzeichnung, rein durch die menschliche Stimme performt oder unterstützt durch Körpersprache, Geräusche, Musik oder (Film-)Bilder. Sie verbreitet sich heute auf digitalen Kanälen und ist gerade bei jungen followers populär. Für den Englischunterricht ist das eine Chance für neue handlungs- und produktionsorientierte Zugänge zu dieser Gattung.

Homer? T.S. Eliot? William Shakespeare? Rupi Kaur! Die siebenundzwanzigjährige Kanadierin hat von ihrem ersten Gedichtband milk&honey seit der Veröffentlichung 2014 über 3,5 Millionen Exemplare verkauft und damit Homers Odyssee von der Spitze der meistverkauften Gedichtbände abgelöst (vgl. Hill/Yuan 2018). Mittlerweile tourt sie durch die Welt, liest live aus ihren Gedichtbänden vor und füllt damit ganze Hallen. Kaurs Erfolg ist eng verknüpft mit der Social-Media-Plattform Instagram, auf der sie ihre Gedichte mit einer dazugehörigen Bleistiftzeichnung postet. Kaurs poetry zeigt dreierlei: Erstens, dass Gedichte (wieder) populär sind, vor allem bei jungen Menschen. Zweitens, dass es keinen publisher braucht, um Kunst (erfolgreich) zu präsentieren und zu verbreiten. Die Künstlerinnen und Künstler haben in den digitalen Plattformen wie Instagram und Youtube ihre eigenen Distributionskanäle gefunden und so einen direkten Zugang zu ihren followers. Und drittens, dass Gedichte keine reinen Wortkompositionen sind, sondern eine Vielzahl an Zeichensystemen aktivieren und auf mehreren semiotischen Ebenen produziert und rezipiert werden.
Performances
Performanz ist den Genres der Gattung Lyrik immanent: Sie leben davon, vorgetragen und gehört und gesehen zu werden in verschiedenen Modi und über verschiedene Produktions- und Rezeptionskanäle. Für den Unterricht bedeutet das, sich sowohl mit bereits performten poetries auseinanderzusetzen als auch poetries selbst aufzuführen.Für beide Richtungen ergibt sich daraus eine Reihe an Spielarten: Handelt es sich z.B. um ein traditionelles Gedicht in gedruckter Fassung als Teil eines Gedichtbandes? Ist der lyrische Text in Verbindung mit einem dazugehörigen Bild zu lesen, so wie bei Kaur? Ist ein vorgetragener lyrischer Text mit (bewegten) Bildern unterlegt oder wird er von einer musikalischen Komposition begleitet? Wird ein poetischer Text für ein poetry slam-Video in eine Kamera gesprochen? Dann sind die Sprechweise (Lautstärke, Betonung, Geschwindigkeit etc.), die Körpersprache, die Lichtverhältnisse und das Spiel mit der Kamera bei der Rezeption von Bedeutung. Denn diese sind Teil der Ausdrucksebene und damit untrennbar mit dem Text verbunden, so dass das Gedicht nur als einheitliches Produkt, als Ganzes begriffen werden kann.
Es gibt unzählige Spielarten mit ursprünglich rein wortbasierten Gedichten, die den Text durch andere Zeichenebenen erweitern und in einen neuen Deutungskontext einbetten. Zu den Gedichten von Charles Bukowski, die nicht selten Narrationscharakter besitzen, gibt es z.B. Verfilmungen, die mit Bukowskis Stimme, der das Gedicht vorträgt, unterlegt sind. So wird der ursprüngliche Text neu gedeutet und veranlasst, als eine von vielen Interpretationen, wiederum zu neuen Deutungen.
Spannend sind in dieser Hinsicht auch sogenannte Poesiefilme oder Filmcollagen, die in ihrer Komposition einem lyrischen Text ähneln (z.B. Sinfonie der Großstadt von Walther Ruttmann). Das Blues-Gedicht The Weary Blues (1926) von Langston Hughes wird von diesem selbst vorgelesen, während er von einer Bluesband begleitet wird: Form und Inhalt verschmelzen und werden eins. Die Vielzahl und die Art der Performanzmodi sind für die Rezeption und das Verständnis der unterschiedlichen poetries, die sich ja erst durch ihren Darstellungscharakter als Subgenres konstituieren, unabdingbar: „Poetic form has always been affected by the medium in which its presented. (Hill/...

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Englisch Nr. 168 / 2020

Performing poetries

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 5-13