Ein Erfahrungsbericht von Wiebke Ruf, Philipp Stückrath und Carola Surkamp

Digitale Lehramtsausbildung

Wie soll man Lehrer*in werden, wenn keine Schüler*innen da sind? In Göttingen gibt es dafür ein innovatives Ausbildungskonzept
Wie soll man Lehrer*in werden, wenn keine Schüler*innen da sind? In Göttingen gibt es dafür ein innovatives Ausbildungskonzept, Foto: imago images/Ralph Lueger

Ein Erfahrungsbericht von Wiebke Ruf, Philipp Stückrath und Carola Surkamp

Lernen ist ein sozialer Prozess, das gilt nicht nur in der Schule für unsere Schülerinnen und Schüler, sondern auch an der Universität und im Studienseminar. Doch wie lässt sich das realisieren, wenn Lehrende und Lernende sich nicht mehr face-to-face begegnen dürfen? Wie soll man sich so in seiner (zukünftigen) Lehrerrolle professionalisieren? Sind Schulpraktika und Prüfungsunterricht ohne Schülerinnen und Schüler nicht wie Trockenschwimmen?

Wenn die Umstände einer Pandemie social distancing erfordern, werden digitale Medien, denen Pessimisten unterstellen, sie würden zu einer Entwertung des menschlichen Miteinanders führen oder uns Lehrkräfte ersetzen, plötzlich ein Weg, um räumliche Distanz zu überbrücken und soziale Nähe herzustellen. Wir konnten uns im März 2020 auf diese Krisensituation nicht vorbereiten und Konzepte ausarbeiten, sondern mussten so schnell und offen wie möglich flexible Lösungen im „emergency remote teaching (Hodges et al. 2020) finden. Schnell wurde uns bewusst, dass es keine Patentrezepte geben kann und die Lernvoraussetzungen und -umstände noch uneinheitlicher als sonst wurden. Doch genau das war auch eine spannende Herausforderung!
Modellhaftes Lernen nach dem „Doppeldeckerprinzip
Im Sinne des modellhaften Lernens nach dem „Doppeldeckerprinzip haben wir sowohl an der Universität (Carola Surkamp) als auch im Studienseminar (Wiebke Ruf und Philipp Stückrath) zuerst die Kurse und Fachsitzungen den neuen Gegebenheiten des Distanzlernens angepasst. Wir führen sie derzeit mit den Studierenden und Referendar*innen in Form von Videokonferenzen durch. So erfahren diese selbst als Lernende, unter welchen Voraussetzungen Lehr-Lern-Prozesse in dieses Format übertragen werden können. Die brennenden Fragen zum distance bzw. blended learning (d.h. zum Lernen auf Distanz im Wechsel mit dem Lernen von zu Hause aus) machen wir uns auch auf inhaltlicher Ebene zum Thema, entwickeln unterrichtspraktische Umsetzungen und präsentieren bzw. evaluieren diese in virtuellen Gruppenräumen (sogenannten breakout rooms).
Im Rahmen eines innovativen Zusammenschlusses von Universität und Studienseminar zur besseren Verzahnung der Ausbildungsphasen im Lehramt Englisch, dem Göttinger Englischdidaktik Netzwerk in Universität, Studienseminar und Schule (GENiUS²), haben wir im Frühjahr 2020 zudem gemeinsam ein buddy-System auf die Beine gestellt: Jeweils ein*e Referendar*in arbeitet hier mit einer bzw. einem Studierenden zusammen, um gemeinsam Aufgaben für den digitalen Englischunterricht zu entwickeln und konkrete Unterrichtsstunden bzw. Videokonferenzen mit Schüler*innen vorzubereiten. Dabei unterstützen die Studierenden die Referendar*innen bei deren Planung von Unterricht, indem sie Wissen aus universitären Kursen zu bestimmten fachlichen, didaktischen und methodischen Inhalten einbringen. Durch die gemeinsame Diskussion von Zielen, die Erstellung von Materialien, die Bestimmung von Arbeitsschritten und das Ausloten von Handlungsoptionen erhalten die Studierenden wiederum wertvolle praktische Einblicke sowohl in die zweite Phase der Lehrer*innenbildung als auch in Formen, Möglichkeiten und Herausforderungen des distance und blended learning auf Schüler*innenebene. Zahlreiche Formen der digitalen Kollaboration (z.B. das gemeinsame Schreiben an geteilten Dokumenten über Google Docs) ersetzen in Zeiten der Pandemie reale Treffen und machen von Raum und Zeit unabhängig. Diese lassen sich im Moment und auch in Zukunft auf kooperative Lernarrangements für Schüler*innen übertragen. Auch Formen von team teaching finden statt digital und in Präsenz, um miteinander zu lernen und voneinander zu profitieren (z.B. um mit Schüler*innen in Kleingruppen zu arbeiten).
Neuartige Lernangebote
So entstanden vielfältige Ideen für Lernangebote, um Englischunterricht neu zu denken und die Krise als Motor für Innovationen zu nutzen....

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Englisch Nr. 167 / 2020

Distanzunterricht: Digitales Lernen

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 1-13