Bärbel Diehr | Martin Genetsch

All is calm, all is bright

An Weihnachten 1914 unterbrachen deutsche (Mitte) und britische (außen) Soldaten die Kampfhandlungen und spielten stattdessen Fußball zwischen den Schützengräben (reenactment-Gruppe)
An Weihnachten 1914 unterbrachen deutsche (Mitte) und britische (außen) Soldaten die Kampfhandlungen und spielten stattdessen Fußball zwischen den Schützengräben (reenactment-Gruppe), Foto: picture-alliance/dpa

Bärbel Diehr | Martin Genetsch

Über Ethik in der Werbung diskutieren

Silent night, holy night, All is calm, all is bright tönt es an Weihnachten 1914 aus den Schützengräben: Deutsche und britische Soldaten unterbrechen den Krieg und spielen Fußball. Doch an Schlaf in himmlischer Ruhe ist nicht zu denken: Am nächsten Tag geht das Töten weiter. Mit der Werbebotschaft „Christmas is for sharing reinszeniert eine britische Supermarktkette den historischen Christmas Truce in ihrem Weihnachtswerbeclip 2014 von Dreck, Blut, Angst und Tod keine Spur. Darf sie das oder sollte der Werberat eine Rüge erteilen? diskutieren die Lernenden hier.

Is this unethical? Diese Frage stellt sich bei gewaltverherrlichenden Artefakten, Filmen oder Posts in sozialen Medien. Der Englischunterricht der Oberstufe soll Lernende befähigen, sich mit dieser schwierigen Frage kritisch auseinanderzusetzen, dabei die eigenen Wahrnehmungen und Urteile zu hinterfragen, fremdsprachige und fremdkulturelle Diskurse zu deuten, Perspektivwechsel vorzunehmen und eigene und fremde Werte einzuordnen (vgl. KMK 2012:20). Gegenstand dieser Unterrichtseinheit ist der Weihnachtswerbespot 2014 der britischen Supermarktkette Sainsburys, der in Großbritannien kontrovers diskutiert wurde und ein Beispiel für Erinnerungskulturen in anglophonen Ländern ist.
Der Weihnachtsfrieden 1914 im Werbespot
Der Weihnachtswerbeclip von Sainsburys (https://youtu.be/NWF2JBb1bvM) knüpft hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs an ein historisch verbrieftes Ereignis an: den Weihnachtsfrieden (Christmas Truce) von 1914. Dabei kam es zwischen Briten und Deutschen zu einer gemeinsamen Weihnachtsfeier, bei der sich verfeindete Soldaten im Niemandsland verbrüderten (vgl. Jürgs 2014, Weintraub 2001).
Im Werbeclip mündet die Begegnung der verfeindeten Armeen in eine Sequenz, in der die Soldaten ein Fußballspiel zwischen den Schützengräben austragen. Briten und Deutsche sind nicht mehr im hinterhältigen, anonymen Krieg begriffen, sondern stehen einander im fairen sportlichen Wettstreit gegenüber. Nach dem Fußballspiel verabschieden sich Otto und Jim, die jeweils die deutsche und britische Armee repräsentieren, voneinander und begeben sich wieder in ihre Schützengräben. Dort entdecken beide Soldaten in ihren Taschen bzw. in ihrer Brotdose ein Geschenk des anderen: Während Jim in seiner Dose ein Stück Brot von Otto findet, hat Otto von Jim eine Tafel Schokolade erhalten.
Die filmische Inszenierung und Vermarktung der Ereignisse macht den Clip interessant für den Unterricht: Der Weihnachtsfrieden wird in einer Weise ins Bild gesetzt, die die grauenhafte Realität des Krieges ästhetisch überhöht und sie für eine Werbebotschaft missbraucht.
Medienkritik als Sprechanlass
Der Film betreibt eine handfeste Imagewerbung für ein Unternehmen (vgl. Henseler/Surkamp/Möller2011:195): Wenn am Ende die Botschaft „Christmas is for sharing eingeblendet und mit dem Logo von Sainsburys verknüpft wird, dann sollen die Zuschauer glauben, dass Gesten flüchtig, Dinge hingegen von Dauer sind. Was von dem kurzen Frieden zwischen den Schützengräben bleibt, sind die Geschenke, die die Botschaft des Frieden und die Erinnerung an den Moment konservieren. Die Konsumlogik gewinnt damit die Oberhand über den Geist der Weihnacht und mündet in eine oberflächliche und banale Werbebotschaft ‚Sharing is buying.
Der Werbespot repräsentiert den historischen Kontext in unangemessener Weise. Das Bild des Rotkehlchens, das Wärme und Hoffnung in der klaustrophobischen Realität der vereisten Schützengräben symbolisieren soll, die das Geschehen übertönende emotionalisierende Musik aus dem Off oder der stilisierte Handschlag der Kontrahenten vor dem Hintergrund eines wiederum symbolischen Sonnenaufgangs, der aus der Totalen gefilmt wird, vermitteln das Bild eines edlen Krieges. Transportiert wird kein (realistisches) Bild des dreckigen und blutigen Stellungskrieges im Schlamm oder...

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Englisch Nr. 155 / 2018

World War I

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 10-13