Michael Basseler | Wolfgang Hallet

A Complete Unknown?

Michael Basseler | Wolfgang Hallet

Rock poetry analysieren und kontextualisieren

Bob Dylan, Ikone der Populärmusikgeschichte und seit kurzem auch Literaturnobelpreisträger, gilt als the voice of a generation. Im Wortsinn legendär nicht zuletzt durch seinen eigenen sehr freien Umgang mit Fakt und Fiktion ist das Auftauchen des Anfang zwanzig-jährigen Bob Dylan in der amerikanischen Folkszene der frühen 1960er-Jahre. Innerhalb von nur drei Jahren und den dazugehörigen drei Alben war aus einem jungen Mann namens Robert Allen Zimmerman aus Minnesota der Heilsbringer der Folk-Revival-Bewegung, sein Song Blowin in the Wind zur Hymne des Civil Rights Movement geworden. Seit Woody Guthrie, einem von Dylans großen Vorbildern, hatte wohl kein Amerikaner mehr einen eindringlicheren protest song verfasst.
Vom Messias zum „Verräter
Doch Dylan wäre nicht Dylan und wahrscheinlich auch heute nicht Nobelpreisträger hätte er sich mit dieser Rolle als Protest-Songwriter zufrieden gegeben. Als er 1963 eine Auszeichnung für sein Engagement in der Bürgerrechtsbewegung erhält, deutet sich bereits ein Bruch an: In seiner Dankesrede reagiert Dylan aggressiv auf die an ihn herangetragenen Rollenerwartungen und beginnt in der Folge mit dem Verfassen von Texten, die nur noch wenig mit den topical songs zu tun haben, für die er den Preis erhielt. Bereits zwei Jahre nach Blowin in the Wind und wenige Monate nach The Times They Are A-Changing, dem folkmusikalischen Ausdruck des gesellschaftlichen Wandels in den USA der frühen 1960er schlechthin, geschieht das für viele Unfassbare: Dylan goes electric.
Schauplatz hierfür ist das Newport Folk Festival am 25.Juli 1965. Die Handvoll Songs, die Dylan in Begleitung seiner Band und erstmals mit elektrischer Gitarre an diesem Abend spielt, geht fast komplett in den Unmutsbekundungen der ca. 15.000 Konzertbesucher unter: Eben noch der Messias, wird Dylan buchstäblich von der Bühne gejagt. Dass mehr dahinter steckte als die Enttäuschung über den Einsatz elektrisch verstärkter Instrumente, erklärt sich aus dem spirit der Bewegung, deren Teil Dylan war: Folk music, das bedeutete eine Musik, die sich aus einer anonymen Tradition speist und durch die Pflege einer community erhalten wird. Ihre Akteure waren keine professionellen oder gar kommerziellen Künstler, sondern Amateure, ganz ‚normale Menschen, die ein gesellschaftliches Ideal verband. Dieses fand in den Songtexten ebenso Ausdruck wie in der Instrumentierung, die auf elektrische Verstärkung ebenso verzichtete wie auf musikalische Virtuosität und pop-kommerzielle Verbreitung.
Bob Dylans Identitätswandel in Newport es sollte nicht sein letzter bleiben lässt sich am besten anhand zweier Songs zeigen: Zum einen Blowin in the Wind als Hymne des Folk-Revival und zum anderen Like a Rolling Stone, einem der Songs, die Dylans Band in Newport spielte und der als der wichtigste Song der Rockgeschichte gilt.
Blowin in the Wind: Unrecht angeprangert
Blowin in the Wind greift die großen gesellschaftlichen topics der Zeit auf, konkret zum einen die imperialistische, aggressive Außenpolitik der USA, mit der sich das Land seinen Ruf als ‚Weltpolizei sichert (insbesondere durch die Kriege in Korea und Vietnam): Yes, and how many times must the cannon balls fly/Before theyre forever banned? Zum anderen thematisiert er indirekt das „negro problem, also die Frage nach den Bürgerrechten und der gesellschaftlichen Integration der von den rechtlosen Sklaven abstammenden African Americans, die besonders im Süden der USA auch ein Jahrhundert nach der Abschaffung der Sklaverei noch unter der Rassentrennung und den gewaltsamen Übergriffen des Ku Klux Klan leiden. In Form von rhetorischen Fragen prangert Dylan dieses Unrecht ebenso an („Yes, and how many years can some people exist/Before theyre allowed to be free?) wie das Wegschauen und -hören der amerikanischen Bevölkerung: „Yes, and how many times can a...

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Englisch Nr. 144 / 2016

Digital Classroom – Mit Special Bob Dylan

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-13