Claudia Stollberg

The Hun turns his fallen soldiers into soap

Kaiser (to 1917 recruit): „And don’t forget that your Kaiser will find a use for you – alive or dead.“ – ­ Die britische Satirezeitschrift Punch karikiert, was viele Gegner des Kaiserreiches im Ersten Weltkrieg wirklich glaubten: Die Deutschen kochen tote Soldaten zu Seife!
Kaiser (to 1917 recruit): „And don’t forget that your Kaiser will find a use for you – alive or dead.“ – ­ Die britische Satirezeitschrift Punch karikiert, was viele Gegner des Kaiserreiches im Ersten Weltkrieg wirklich glaubten: Die Deutschen kochen tote Soldaten zu Seife!, Bild: Punch, 25 April 1917 ( http://www.gutenberg.org/files/15064/15064-h/images/267.png)

Claudia Stollberg

Ursachen, Wirkungen und Folgen von Falschmeldungen aus dem Ersten Weltkrieg untersuchen

Fake news sind nichts Neues: Schon im alten Rom wurden Unwahrheiten über politische Gegner verbreitet. Besonders zu Kriegszeiten kommt es auch zu Lügenschlachten. Eine ebenso bekannte wie erlogene Gräuelgeschichte ist die von den deutschen Verwertungsanstalten für Soldatenleichen aus dem Ersten Weltkrieg. Auf welche Weise diese Mär Zeitgenossen zu überzeugen versuchte und wie sie sich noch lange danach auswirkte, untersuchen die Lernenden hier.

Fake news, der „Anglizismus des Jahres 2017, beschreibt nicht nur gezielte Falschmeldungen aller Art. Der Begriff hat sich auch zu einem alltäglichen politischen Kampfbegriff entwickelt, mit dem politische Gegner und kritische Medien diskreditiert werden sollen. Dies geschieht vor allem in den sozialen Medien, die durch ihre Schnelligkeit, Reichweite und Interaktionalität einen idealen Nährboden für fake news und fake realities bieten.
Jedoch handelt es sich bei fake news keinesfalls um ein neues Phänomen: Die twitterreife Schmierenkampagne des späteren römischen Kaisers Octavian gegen Marcus Antonius um 44 v. Chr., der große Mond-Schwindel von 1835 oder die Erstveröffentlichung der „Protokolle der Weisen von Zion 1903 sind nur einige Beispiele gezielter Falschmeldungen aus der Geschichte. Ihre Wirkungsweisen und Spätfolgen lassen sich mit zeitlichem Abstand noch besser erschließen. Denn wenn fake news ihr Eigenleben entwickeln, so entstehen aus den teils intendierten, teils ungewollten Wechselwirkungen ganze fake historical realities, die Geschichtsbewusstsein und Medienrezeption über mehrere Generationen hinweg prägen.
Fake news im Ersten Weltkrieg
Im Zentrum dieser Unterrichtsreihe steht eine gezielte internationale Falschmeldung aus den letzten Jahren des Ersten Weltkrieges. Zwar waren dämonisierende Behauptungen, Zerrbilder und Falschmeldungen schon zu Beginn des Krieges ein fester Teil der Feindpropaganda auf beiden Seiten (vgl. Neander/Marlin 2010). Im Jahre 1917 hat allerdings eine später als solche enttarnte Falschmeldung besonderes Entsetzen ausgelöst und weitreichende Folgen für die Rezeption tatsächlicher Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg gehabt: Belgische und britische Zeitungen, darunter The Times und The Daily Mail sowie das Satiremagazin Punch, berichteten von sogenannten „Kadaververwertungsanstalten (corpse factories). In diesen verarbeite die deutsche Armee angeblich die sterblichen Überreste ihrer eigenen toten Soldaten zu Produkten wie Seife oder Tierfutter. Tatsächlich wurden dort Pferdekadaver verarbeitet. Doch sowohl Übersetzungsfehler als auch die Intention der Stimmungsmache führten zu einer inhaltlichen Verzerrung dieser Praxis.
Die Falschmeldungen haben nachhaltig zum britischen Feindbild von den Deutschen beigetragen, das von der Vorstellung von kalter Brutalität und berechnender Effizienz geprägt war (vgl. Neander/Marlin 2010). Das hat nicht nur die Friedensverhandlungen nach dem Waffenstillstand 1918 erschwert. Der Mythos hat auch dazu geführt, dass Zeitgenossen in den 1940er-Jahren frühe, wahrheitsgetreue Berichte über die Konzentrationslager der Nationalsozialisten nicht glaubten die Sache mit den Kadaververwertungsanstalten hatten sich ja auch als unwahr herausgestellt. Später nährte die Mär von den Kadaververwertungsanstalten zudem den Folgemythos der „Judenseife, also die Behauptung, auch die Leichen der Holocaustopfer seien im industriellen Rahmen zu Seife verarbeitet worden. Holocaust-Leugner nutzen nach wie vor die Gegenstandlosigkeit dieser Behauptung, um den Holocaust generell in Frage zu stellen („Wenn es die Judenseife nicht gab, dann gab es alles andere auch nicht).
Ziele und Methoden der Unterrichtseinheit
Diese Unterrichteinheit bietet kreative Schreib- und Sprachanlässe und bringt authentisches Quellenmaterial mit aktuellen Ereignissen in Bezug. Die Inhalte und Methoden eignen sich...
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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Englisch Nr. 163 / 2020

Medienkompetenz: Fake realities

Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 10-13
  • Thema: Lesen
  • Autor/in: Claudia Stollberg