Stefan Möller

Sourcebook Rather Than Coursebook

Stefan Möller

Lernerorientiert mit dem Lehrwerk arbeiten

Neulich im Lehrerzimmer: „Wie weit bist du? Ich bin erst in Unit 3 und das zweite Halbjahr hat schon begonnen., „Ich musste erst noch den letzten Band zu Ende machen. „Kollege X hat es mal wieder nicht geschafft. Leitmedium oder didaktischer Diktator? Die Haltung gegenüber dem Lehrwerk ist durchaus ambivalent. Die Interessen der Lernenden spielen dabei keine Rolle.

Die Diskussion über Nutzen und Schaden der Fremdsprachenvermittlung mithilfe eines Lehrwerks ist fast so alt wie der fremdsprachendidaktische Diskurs. 1892 schreibt Wilhelm Mangold in seinem Werk Gelöste und ungelöste Fragen der Methodik auf dem Gebiete der neueren Fremdsprachen, dass der „freie mündliche, nicht der auf ein Buch sich stützende Unterricht den Mittelpunkt und den leitenden Teil des unterrichtlichen Geschehens bilden solle. Fast 125 Jahre später ist das Lehrwerk in der Sekundarstufe I weiterhin das Leitmedium des Fremdsprachenunterrichts und es sieht auch nicht so aus, als ob sich daran etwas mittelfristig ändern würde. Die Vorzüge eines Lehrwerks aus der Sicht der Nutzer liegen auf der Hand: Es stellt einen verlässlichen Bezugsrahmen für Lehrende, Lernende und nicht zuletzt auch für Eltern dar. Aus der Sicht der Lehrenden sprechen der Lehrplanbezug, die methodisch-didaktische Kommentierung der Inhalte, von Experten erstellte fertige Materialien und Aufgaben inklusive eines mittlerweile sehr umfangreichen Begleitprogramms und die damit verbundene Zeitökonomie in der Unterrichtsvorbereitung für ein Lehrwerk. Gut gemachte Lehrwerke bieten Lernenden und deren Eltern eine klare Orientierung über den Lernstoff und ein zuverlässiges Nachschlagewerk für Wortschatz und Strukturen. Das Lehrwerk kann also positiv als springboard, compass oder survival kit gesehen werden. Demgegenüber stehen Metaphern wie crutch, holy book oder straightjacket  –eine deutlich negative Sichtweise (McGrath 2002:8). Die Nutzung von Lehrwerken an Schulen bewegt sich wahrscheinlich in einem Kontinuum zwischen teaching the coursebook to the letter und coursebook as a sourcebook, während ein kompletter Verzicht auf ein Lehrwerk eher selten ist.
Wenn jedoch das Lehrwerk oder die Unit, die gerade behandelt wird, die einzigen Bezugsgrößen für die Planung von Unterricht sind, spielen die Interessen und Bedürfnisse der Lernenden eine nur sehr untergeordnete Rolle. Auf die Spitze getrieben wird das Denken in Lehrwerkseinheiten, wenn im neuen Schuljahr manchmal bis in den Winter hinein mit dem Lehrwerk des vorangegangenen Schuljahres weitergearbeitet wird. So finden die im Lehrwerk vorgesehenen fiktiven Planungen für den Sommerurlaub eben im Dezember statt.
Es lohnt sich von Zeit zu Zeit, den eigenen Umgang mit dem Lehrwerk zu reflektieren: Unterliegt meine Arbeit mit dem Lehrwerk selbstauferlegten Zwängen (self-imposed constraints) wie parallel arbeitenden Lehrkräften oder dem Interesse von Eltern, die anhand des Lehrwerks die schulische Arbeit ihrer Kinder mitverfolgen und zu kontrollieren wünschen? In diesem Artikel soll es weniger um Unterricht als lehrwerksfreie Zone, sondern um das Prinzip des coursebook as a sourcebook gehen. Ausgehend von diesem Leitgedanken können Lernerinteressen auch viel stärker berücksichtigt werden. Das Lehrwerk ist dann eine Quelle von vielen für die Gestaltung von aufgabenorientierten Lernarrangements. Eng verbunden mit dem Gedanken der Lernerorientierung ist dann aber auch eine höhere Autonomie der Lehrenden, die sich von den Zwängen einer zu starken Lehrwerksorientierung befreien können.
Coursebook or no coursebook?
Dies ist eine grundlegende Entscheidung, die jede Lehrkraft oder eine Gruppe von Lehrkräften treffen muss. Es muss nicht in aller Radikalität geschehen, sondern kann auch abgestuft erfolgen. Während jüngere Lernende noch gerne mit dem Lehrwerk arbeiten, kann in höheren Klassen ganz oder zumindest teilweise darauf verzichtet werden. Für...

Friedrich+ Deutsch

Sie sind bereits Abonnent?

Mein Konto

Jetzt weiterlesen mit Friedrich+ Englisch!

  • Digitaler Vollzugriff auf die Inhalte der Zeitschriften Unterricht Englisch und Englisch 5-10
  • Intuitive Benutzeroberfläche mit thematischer Struktur und intelligenter Suche
  • Jährlich über 100 neue didaktische Beiträge, Unterrichtseinheiten, Arbeitsblätter, Lesetexte, Bildmaterial, Filmsequenzen, Hörtexte, Methodenkarten, Lernplakate, Klausuren und vieles mehr

Zur Bestellung

Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Englisch Nr. 143 / 2016

Lernerorientierung

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 5-10