Jan-Erik Leonhardt | Christina Gantner | Carina Kaufmann

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fake news, documentaries Filmanalyse
In Europa bekämpfte die Kartoffel den Hunger. Außerdem erfahren die Lernenden aus documentaries, wie die Kartoffel wächst, wer ihr größter Feind ist und dass sie sprechen kann: Cartoonfiguren und andere fiktionale Elemente sind dort ein häufiges erzählerisches Mittel – Achtung, perspektivierte Wirklichkeit! , imago images/Photo12/Ann Ronan Picture Library

Jan-Erik Leonhardt | Christina Gantner | Carina Kaufmann

Machart und Perspektivierung von Dokumentarfilmen kennenlernen, selbst einen Dokumentarfilm drehen

Jüngere Lernende erwerben aus Dokumentarfilmen eine Menge Wissen. Doch wie kommen die Filmemacher an Bilder aus dem alten Peru? Gibt es singende Kartoffeln? Ein genauer Blick offenbart: Was scheinbar Wirklichkeit auf den Bildschirm bringt, ist genauso dramaturgisch aufgebaut und durch Kameraführung perspektiviert wie andere Filme. An zwei kurzen Dokus über die Kartoffel hinterfragen die Lernenden Machart und Positionierung von Dokumentarfilmen.

John Grierson, der den Begriff Mitte der 1920er-Jahre prägte, beschrieb den Dokumentarfilm als „kreative Behandlung der Wirklichkeit (vgl. Dormehl 2012). Denn dies ist das zentrale Paradox eines Dokumentarfilms: Während er versucht, wahrheitsgetreu, realitätsnah und damit objektiv zu erscheinen, ist er jedoch durch Kameraperspektive, den Schnitt usw. immer subjektiv geprägt. Spielt nun ein Dokumentarfilm mit den Erwartungshaltungen an das Genre und gibt er Objektivität bewusst vor, bewegt er sich an der Grenze zur fake reality. Ein Beispiel hierfür sind die Filme des Dokumentarfilmemachers Michael Moore, die eine klare Position beziehen. Sie sehen sich jedoch wegen ihrer selektiven Darstellung dem Vorwurf ausgesetzt, ihre Botschaften auf Halbwahrheiten zu gründen oder polemische Propaganda zu betreiben (vgl. Basisartikel). Wenn es also Teil des Genres ist, subjektiv geprägt zu sein oder gar deutlich Position zu beziehen, dann ist in der schulischen Arbeit mit Dokumentarfilm zur Ausbildung einer critical literacy der Frage nachzugehen, wie, warum und mit welchen Folgen sie diese Positionen beziehen.
Die Dringlichkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Genre zeigt das Mediennutzungsverhalten der Schülerinnen und Schüler: Dokumentarfilme, Wissensmagazine und zahllose auf YouTube hochgeladene Videos belegen ihr Interesse an nicht-fiktionalem Film (vgl. mpfs 2016). Auch Wissenssendungen wie GALILEO (ProSieben) sind beliebt. Junge Rezipienten müssen deshalb mit den entsprechenden Kompetenzen gerüstet sein, um dieser Angebotsfülle kritisch begegnen und die Machart und Perspektivierung von Dokumentarfilmen hinterfragen zu können.
Dieser Unterrichtsentwurf zeigt, dass eine solche Kompetenz schon zu Beginn der Sekundarstufe 1 gefördert werden kann und sollte. Das handlungs- und produktionsorientierte Vorgehen ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern hier, bereits früh Erfahrungen über die Produktion und Produziertheit von Dokumentarfilmen zu machen und Kompetenzen zu erwerben, die sie in Zukunft befähigen, eine „vermeintlich objektive Wiedergabe von Wirklichkeit kritisch zu hinterfragen (Knippertz 2011:58). Das eigene Erstellen eines Films und das damit einhergehende Lernen über die Gestaltungsmechanismen des Genres hilft, critical literacy auszubilden.
Die Aufgabe: Einen Dokumentarfilm selbst drehen
Indem sie den Produktionsprozess eines Films handlungsorientiert nachvollziehen, lernen die Schülerinnen und Schüler etwas über die Interaktion von Bild und Ton: Sie verstehen, wie ein Film Bedeutung erzeugt. Dies kann durch Smartphones und entsprechende apps, die die Lerner in ihrer Freizeit einzusetzen wissen, bereits in der frühen Sekundarstufe geschehen. In diesem Projekt untersuchen die Lernenden zunächst zwei kurze Dokumentarfilme: eine Dokumentation des Wissensmagazins GALILEO aus dem deutschen Fernsehen sowie eine englischsprachige Dokumentation. Die Berichterstattungen erfolgen in diesen Sendungen mithilfe verschiedener journalistischer und filmischer Darstellungsformen, zum Beispiel klassischen Reportagen, TV-Experimenten, kurzen Interview-Stücken und Inszenierungen (sogenannte re-enactments), die historische Situationen nachstellen oder faktengetriebene Themen spielfilmähnlich aufbereiten (Kasten 1).
Die Kartoffel: zwei Dokumentarfilme und deren Machart
Die Kartoffel: zwei...

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Englisch Nr. 163 / 2020

Medienkompetenz: Fake realities

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 5-6