Jan-Erik Leonhardt | Britta Viebrock

Watch out for fake realities!

Das Publikum bei der Amtseinführung von US-Präsident Obama auf der Washington Mall im Januar 2009 (links) –  und am selben Ort bei der inauguration von Donald Trump acht Jahre später. Wer wie Trumps Sprecherin sagt, es seien 2017 mehr Menschen gewesen, der schafft alternative Fakten
Das Publikum bei der Amtseinführung von US-Präsident Obama auf der Washington Mall im Januar 2009 (links) – und am selben Ort bei der inauguration von Donald Trump acht Jahre später. Wer wie Trumps Sprecherin sagt, es seien 2017 mehr Menschen gewesen, der schafft alternative Fakten, picture-allianceREUTERS

Jan-Erik Leonhardt | Britta Viebrock

Was ist Realität, was ist Erfindung? Was ist perspektiviert, was glatt gelogen? Was unterscheidet fiktionale Texte von fake news? Im post-faktischen Zeitalter scheint weniger denn je klar zu sein, welche Informationen unbestritten wahr sind und sich auf wirkliche Gegebenheiten beziehen. Umso mehr müssen Lernende Texte sowohl auf deren Faktentreue als auch auf möglichweise manipulative Strategien hin überprüfen können: Sie müssen critical literacy ausbilden.

Wahrheit, Realitätskonstruktion, Fiktion und Lügen unterscheiden lernen, critical literacy ausbilden
Wie viele Menschen waren bei US-Präsident Donald Trumps Rede am 9. Dezember 2017 in Pensacola, Florida, wirklich im Publikum? In seinem Tweet weist der als besonders Twitter-affin bekannte Trump einen Reporter der Washington Post darauf hin, dass das von dem Reporter gepostete Foto nicht die bei Trumps Auftritt tatsächlich anwesende Menschenmenge zeigte. Trump stellt dem Tweet der Washington Post eigene Fotos gegenüber, die tatsächlich eine gefüllte Halle zeigen was allerdings immer noch nicht beweist, dass die Menschen auch außerhalb der Halle Schlange standen. Und wie „real können Fotos überhaupt sein?
Fotos, Wahrheit und alternative Fakten
Die Geschichte dieses Tweets ist bis zum Amtsantritt des Präsidenten im Januar 2017 zurückzuverfolgen. Sie illustriert eindrücklich, was viele als post-faktisches Zeitalter wahrnehmen: Dieses ist geprägt von Irrtümern um Begrifflichkeiten sowie von Unsicherheiten, was Fakt und was Fiktion ist (vgl. Volkmann 2018). Um den Tweet in seiner kontextreichen Geschichte zu verstehen, muss man den Streit der Presse und des Präsidenten in Bezug auf die Besucheranzahl bei seinem Amtsantritt kennen: Trumps damalige Sprecherin Kellyanne Conway behauptete, die National Mall in Washington sei voll und es seien mehr Menschen als jemals zuvor bei einer presidential inauguration anwesend gewesen. Diese Behauptung steht im genauen Gegensatz zu Fotos dieser Veranstaltung, die nachweislich zur Uhrzeit des Amtseids aufgenommen wurden. Ein Vergleich mit Obamas Amtseinführung um Januar 2009 zeigt: Bei Obama waren deutlich mehr Menschen Zeugen seines Amtseids . Kellyanne Conway prägte dafür den Begriff „alternative facts zur Bezeichnung einer anderen Sichtweise auf vermeintliche Tatsachen. Trump selbst verwendet häufig den Begriff „fake news, ein Vorwurf an die Presse, wissentlich Falschnachrichten zu verbreiten. Auf Seiten der Rezipienten ist ein Bewusstsein vonnöten, dass es hier um Fragen nach der Deutungshoheit medialer Darstellungen geht. Diese Deutungen sind nicht wertfrei und jeweils durch eine bestimmte Perspektive geprägt. An diesem Beispiel wird ebenfalls deutlich, dass politische oder kulturelle Berichterstattung stark von Machtfragen beeinflusst ist. Im Vergleich zum Printjournalismus aus prä-digitalen Zeiten, in der die politische Couleur großer Tageszeitungen bekannt war, werden digitale fake news aber zur populistischen Meinungsmache und zur expliziten Manipulation der Leserinnen oder User eingesetzt. Sie haben so unmittelbare Auswirkungen auf die kulturellen, sozialen und politischen Gegebenheiten unserer Zeit.
Die Rolle des Englischunterrichts
Eine Auseinandersetzung mit den Phänomenen des post-faktischen Zeitalters ist schon wegen der langen Mediennutzungszeiten heutiger Jugendlicher unausweichlich in einem Fremdsprachenunterricht, der inhaltlich bedeutsam und gesellschaftlich relevant sein will. Schülerinnen und Schüler nutzen mit einem Anteil von 97% mehrmals pro Woche das Internet, 91% der Befragten 12- bis 19-Jährigen der aktuellen JIM-Studie (mpfs 2018) gar täglich. Dabei dominieren zwar Videoportale und instant messengers. Aber Schülerinnen und Schüler treffen durch ihren Nachrichtenkonsum oder über Portale wie Instagram, Facebook oder Twitter auf Diskussionen wie die um die Zuhörerzahlen bei Trumps Reden. Schülerinnen und Schüler müssen critical...

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Fakten zum Artikel
aus: Unterricht Englisch Nr. 163 / 2020

Medienkompetenz: Fake realities

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