Stereotypen im Umgang mit Apps kreativ-kritisch reflektieren

Alles Fake oder was?

Jugendliche erproben, begreifen und verorten sich als Individuum auch in digital-medialen Welten. Es ist daher wichtig, sich mit den vorherrschenden Anforderungen, Stereotypen und Rollenzuweisungen auseinanderzusetzen. Im Kreativunterricht KreSch (Kreative Schule) können diese Prozesse kritisch reflektiert werden.

Medienkompetenz vermitteln: Schülerinnen und Schüler sollen Bildmanipulation erkennen
Medienkompetenz vermitteln: Schülerinnen und Schüler sollen Bildmanipulation erkennen

Ziel des Projekts ist vor allem die Steigerung des Selbstwertgefühls der Jugendlichen und die Sensibilisierung für Bildmanipulationen. Der Ablauf des Projekts ist mehrschrittig angelegt.

Das Fach KreSch

Das Fach „Kreative Schule“, kurz KreSch, verortet sich innerhalb des Ergänzungsstundenbands der Jahrgänge 8 bis 10. An der Gesamtschule Weierheide soll es Freiräume für schülerorientierte Unterrichtssequenzen bieten. Es versteht sich als Experimentierraum abseits der traditionellen, am Lehrplan orientierten Fächer, in dem sich Lehrende und Lernende auf Augenhöhe begegnen und die Rollen wechseln. KreSch bildet Lebenskompetenzen aus. Dazu zählen natürlich auch Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien.

Projektablauf

1. Recherche

Die Lernenden recherchieren zunächst, welche Stereotypen ihre Alltagskultur prägen, und analysieren, ob sich unter ihren Idolen Persönlichkeiten befinden, die diesen entsprechen oder gar entgegenstehen. Billie Eilish oder Beth Dito können Beispiele sein.

2. Nachstellen der Sterotypen

Der zweite Schritt erfolgt experimentell durch die spielerische Verkörperung und Überzeichnung von Stereotypen oder durch das Nachstellen von einschlägigen Fotos aus sozialen Netzwerken und Medien. Dabei schlüpfen die Lernenden in drei selbst gewählte Rollen, sie nutzen Requisiten, üben verschiedene Körperhaltungen, experimentieren mit Gestik und Mimik, um unterschiedliche Stereotypen zu verkörpern. Erste Fotos halten die Ergebnisse zur Dokumentation fest.

Medienkompetenz vermitteln: Schülerinnen und Schüler sollen Bildmanipulation erkennen
Abb.1 | Schülerbeispiel aus dem Projekt

3. Bildretusche

Im Folgeschritt entwickeln die Lernenden eine vermeintlich optimierte Persönlichkeit von sich selbst. Ausgangsbasis kann hier ein Portraitfoto sein. Sie retuschieren ihr eigenes Bild mithilfe der Programme und überführen es in Animationen, Filme, Bildcollagen oder Inszenierungen mit Bild und Ton. Je extremer die Veränderungen des eigenen Ichs gelingen, umso mehr Substanz bieten diese für einen gemeinsamen Diskurs (s. Abb. 1).

4. Kritische Reflektion

Am Ende des Bearbeitungsprozesses stehen sich sodann verschiedene Modelle einer veränderten Wirklichkeit, verschiedene Stereotypen bzw. verschiedene „Ichs“, gegenüber. Im Unterrichtsgespräch und bereits während der Auseinandersetzung werden diese vermeintlichen Optimierungen, Verfremdungen und Stereotypen besprochen, analysiert und in Kontexten wie zum Beispiel Instagram kritisch reflektiert. Die vielschichtige Fragestellung „Alles Fake oder was?“ kann hier Reflexionsprozesse initiieren: Wie funktioniert Wahrnehmung? Was bedeutet Individualität? Was ist schön? Was ist echt? Welche Rolle spiele ich? Wo stehe ich? Was ist mir wichtig?

Alternative: Kreatives Schreiben

Neben der reinen Bildbearbeitung können auch Techniken des kreativen Schreibens angewendet werden, um inhaltliche Reflexionen auf den Weg zu bringen. Die Ergebnisse können dann vorgelesen, aufgenommen und als Tonspur unter die Bilder im Filmschnitt gelegt werden.

5. Die Präsentation

Eine gemeinsam vorbereitete Ausstellung kann schließlich die gesammelten Erfahrungen und Einsichten nach außen kommunizieren. Durch die Präsentation der Resultate, in denen prozessbegleitende Ergebnisse (Mappings, Mindmaps, Collagen, Texte, Ideensammlungen ...) integriert sind, werden die Lernenden zu Multiplikatoren einer kritischen Auseinandersetzung mit Stereotypen und deren Repräsentation in Medien. Über verschiedene Kanäle bekommen Betrachtende Einblicke in die Auseinandersetzung der Jugendlichen mit sich selbst und ihrer Repräsentation. Dabei erfahren Letztere eine Wertschätzung ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema und erhalten Feedback.

Projektübersicht zur Medienkompetenz
Projektübersicht zur Medienkompetenz

Hinweise zur Durchführung!

Die Jugendlichen durchlaufen teilweise existenzielle Hinterfragungsprozesse. Ihre Welt steht möglicherweise Kopf. Daher müssen individuelle Reflexionsprozesse begleitet werden. Es ist wichtig, dass am Ende der Sequenz das verfremdete Optimierungs-Ich nicht attraktiver erscheint als das echte Ich. Ein respektvoller Umgang und eine vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre sind Voraussetzung für das Gelingen der Unterrichtseinheit. Ebenso müssen die Jugendlichen informiert sein über die Bild- und Persönlichkeitsrechte sowie den Datenschutz, damit ein umsichtiger Umgang mit dem Bildmaterial praktiziert wird.


Alischa Leutner-Peters und Kristin Peil

Die Autorinnen sind Lehrerinnen an der Gesamtschule Weierheide in Oberhausen und unterrichten das Fach KreSch im Teamteaching.

aleutner@ge-weierheide.de

kpeil@ge-weierheide.de

Fakten zum Artikel
Praxis Schuljahr 8-10