Stefan Aufenanger

Fördern digitale Medien Kreativität?

© Maglara/Shutterstock.com

Stefan Aufenanger

Begriffsdefinition und Ansätze für Schule und Unterricht

In den Auseinandersetzungen um das Lernen mit digitalen Medien taucht immer wieder das Argument auf, dass sie die Kreativität der Schülerinnen und Schüler einschränken würden. Ob dieses Argument tragfähig ist und auch den Erfahrungen von Lehrkräften entspricht, soll in diesem Beitrag diskutiert werden.

Um die Potenziale und Grenzen einer kreativen Nutzung digitaler Medien auszuloten, ist es zunächst notwendig, sich mit dem auseinanderzusetzen, was unter Kreativität zu verstehen ist.
Wer oder was gilt als „kreativ?
Geläufiger Sprachgebrauch
Kreativität wird im Allgemeinen als die Fähigkeit verstanden, neue Ideen zu entwickeln sowie gestalterisch oder schöpferisch tätig zu sein. Im Alltag wird der Begriff auch häufig verwendet, um Lösungen zu beschreiben, die von üblichen Wegen abweichen. Entsprechen diese nicht den üblichen sozialen Normen, kann der Begriff auch zweideutig gemeint sein: So finden Schülerinnen und Schüler häufig sehr „kreative Ausreden dafür, dass sie die Hausaufgaben vergessen haben. Darüber hinaus werden Menschen als kreativ beschrieben, die künstlerisch produktiv tätig sind. Besonders in der Werbung sowie im Grafikbereich spielt der Begriff eine zentrale Rolle, da man hier besonders ideenreich sein will. Aber auch in der Wissenschaft gelten Lösungen als „kreativ, z.B. wenn verschiedene Theorien miteinander verbunden werden oder bei innovativen Erfindungen. Im wissenschaftlichen Kontext wird häufig zwischen einer gewöhnlichen und einer außergewöhnlichen sowie zwischen einer spontanen und einer überlegten Kreativität unterschieden (Testor, 2018). Eine außergewöhnliche Kreativität wird Genies zugeschrieben.
Wissenschaftliche Ansätze
Die Beispiele ließen sich unbegrenzt fortsetzen und auf unterschiedliche Bereiche ausweiten. Wie lässt sich aber Kreativität genauer beschreiben? Einen Ansatz dazu hat der Psychologe J.P. Guilford vor über 70 Jahren entwickelt. Er unterscheidet vier kreative Fähigkeiten (1950): Eine kreative Person kann neuartige, vielfältige und in kurzer Zeit viele Ideen entwickeln sowie diese synthetisieren und bewerten. Er nennt diese Fähigkeiten im englischsprachigen Aufsatz „Originality, „Flexibility, „Fluency und „Evaluation. Eigentlich war diese Systematik für eine Ergänzung der vorherrschenden Intelligenztests gedacht, die kaum Kreativität in ihrem Repertoire hatten.
Einen anderen Zugang hat der amerikanische Psychologe Mel Rhodes gewählt. Er differenziert Kreativität nach der Person, dem Prozess, dem Umfeld und dem Produkt (1961). Nach Rhodes kann der Begriff Eigenschaften und Verhaltensweisen einer Person beschreiben oder einen Prozess der Entwicklung von außergewöhnlichen Ideen, der auch gelehrt werden kann. Zudem kann der Begriff als Erfahrungen und Eindrücke aus der Umwelt verstanden werden sowie als ein Produkt eine Idee, ein Gegenstand oder ein Artefakt.
Allen Ansätzen ist gemein, dass Kreativität eine von der sozialen Umwelt zugeschriebene Eigenschaft ist, somit natürlich auch historisch und kulturell unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Ein wichtiger Aspekt, der genannt wurde: Kreativität ist eine grundlegende Kulturtechnik, die gelernt werden kann. Somit kommt der Schule eine bedeutsame Rolle zu.
Bildungsbezogene Ansätze
In seiner berühmten Rede zu Kreativität und Bildung (TED 2006) hat Sir Ken Robinson deutlich gemacht, dass man, wenn man kreativ sein will, auch bereit sein muss, Fehler zu machen. Seine Hauptthese betrifft aber die Schule: Sie ersticke Kreativität! Für ihn gehört Kreativität ähnlich wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu den grundlegenden Kulturtechniken.
In eine ähnliche Richtung geht der aktuelle, bildungsbezogene Ansatz von Fadel et al. (2018). Nach den Autoren wird die Zukunft der Bildung von vier Dimensionen bestimmt: Wissen, Skills, Charakter und Meta-Lernen. Bei den Skills heben sie die besondere Bedeutung von Kreativität...
On lernen digital
Sie sind bereits Abonnent?

Mein Konto

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

On lernen digital abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: On lernen digital Nr. 1 / 2020

Kreativität digital

Kennzeichnung Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "on. Lernen in der digitalen Welt" Hintergrund Schuljahr 1-13