Dirk Betzel/ Stephanie Schönenberg

Wortbildung an der Schnittstelle verschiedener Lernbereiche

Dirk Betzel/ Stephanie Schönenberg

Wird im Unterricht das Thema Wortbildung behandelt, geht es auch um die Förderung morphologischer Bewusstheit. Damit ist gemeint, dass Schülerinnen und Schüler die „Bauweise komplexer Wörter durchschauen, unterschiedliche „Bausteine (Morpheme) erkennen und verstandene Wortbildungsmuster produktiv und rezeptiv nutzen können. Diese Fähigkeit spielt in verschiedenen Lernbereichen des Deutschunterrichts eine Rolle. Daher ist es sinnvoll, Wortbildung auch innerhalb solcher Lernbereiche zu thematisieren und nicht als isoliertes Randthema zu behandeln. Mögliche Schnittstellen zu anderen Themen werden nachfolgend am Beispielwort Zeitungsverkäufer aufgezeigt.
Rechtschreibung
Ein wichtiges Prinzip unserer Rechtschreibung ist die Morphemkonstanz. So schreiben wir beispielsweise nicht *Zeitungsfeakeufa, sondern Zeitungsverkäufer. Die Schreibung mit äu macht die morphologische Verwandtschaft zu kaufen kenntlich, bei ver- handelt es sich um ein typisches Präfix (z.B. verfahren oder verraten), das die Wortbedeutung verändert, und -er ist ein typisches Suffix wie auch bei Bäcker, Lehrer oder Bauer. Es markiert für uns, dass es eine Person ist, die die Tätigkeit (regelmäßig) ausführt und bildet oftmals eine Berufsbezeichnung. Durchschaut man solche morphologischen Bestandteile eines komplexen Wortes und erkennt man entsprechende Wortverwandtschaften, kann man sich im Zweifelsfall die richtige Schreibung herleiten. Das Thema Wortbildung hat also eine enge Verbindung zur Rechtschreibung. Ausführliche Hinweise finden sich unter Sprachbildung konkret.
Lesen
Wer komplexe Wörter wie Zeitungsverkäufer beim Lesen rasch dekodieren kann (= Wortbedeutung erfassen), hat entweder das ganze Wort im mentalen Lexikon gespeichert oder nutzt die morphologischen Informationen solcher komplexen Wörter, indem er auf gespeicherte Präfixe (ver-), Stämme (-zeit-, -kauf-), Suffixe (-ung, -er) sowie typische Wortbildungsmuster zurückgreift. Mangelnde morphologische Bewusstheit kann deshalb mit Dekodierungsschwierigkeiten, einer geringeren Leseflüssigkeit und insgesamt mit Textverständnisschwierigkeiten im Zusammenhang stehen. Morphologische Bewusstheit und Lesekompetenz hängen also miteinander zusammen, weshalb eine verknüpfte Förderung beider Fähigkeiten sinnvoll ist. Beispielsweise kann bei Fachtexten zur Vorentlastung des Lesens eine vorherige Beschäftigung mit inhaltlich zentralen Fachwörtern stattfinden. Wortbildungsmorphologische Strukturen lassen sich gut an komplexer werdenden Fachausdrücken veranschaulichen: Jugend → Jugendschutz → Jugendschutzgesetz → jugendschutzgesetzlich. Solche oder ähnliche Vorgehensweisen unterstützen das Lesen zum einen kurzfristig, weil Wörter des zu lesenden Textes vorentlastet werden, zum anderen aber auch langfristig, weil so morphologische Bewusstheit kontinuierlich gefördert wird (vgl. Unterrichtsidee Sauerborn sowie UI Grissinger/Hiller).
Grammatik
Es heißt die Zeitung, aber der Zeitungsverkäufer und der Plural lautet nicht *Zeitungenverkäufer, sondern Zeitungsverkäufer. Über einen freundlichen Zeitungsverkäufer stolpern wir beim Lesen nicht, wohl aber über einen *druckfrischen Zeitungsverkäufer. Löst man solche oder ähnliche Wortbildungen auf und umschreibt sie, wird außerdem deutlich, dass sie Informationen durch Auslassungen verdichten: So ist ein Zeitungsverkäufer ein Verkäufer von Zeitungen, ein Lederschuh ist ein Schuh aus Leder, wohingegen ein Kinderschuh ein Schuh für Kinder ist. Die Beispiele zeigen, dass komplexe Wörter nach bestimmten Regeln funktionieren. Solche Muster sind vielen Schülern implizit klar. Werden sie jedoch einfach vorausgesetzt, schmunzelt nur derjenige über die untereinander geschriebenen Komposita Hühner-Kebap/Kinder-Kepab auf einem Werbeschild ( Grundlagen), der über das entsprechende Sprachgefühl verfügt. Die Bedeutungskonstruktion setzt Vertrautheit mit diesen Strukturen und damit grammatische Analysefähigkeit...

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Fakten zum Artikel
aus: Deutsch 5-10 Nr. 60 / 2019

Wortbildung

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 5-10