Andreas Mudrak

„Von Kopf bis Fuß“

„Ganz Ohr sein“ Zeichnung von Emmanuel Murzeau
„Ganz Ohr sein“ Zeichnung von Emmanuel Murzeau, Emmanuel Murzeau. 2014. Illustration © Bernafon AG

Andreas Mudrak

Körpermetaphern in Wörtern und Wendungen erkunden

Metaphern vermögen abstrakte (Gefühls-)Zustände, Vorgänge und Handlungen plastisch vor Augen zu führen. Dass sie auch Ausdruck der sprachlichen Modellierung der Wirklichkeit sind, entdecken Schülerinnen und Schüler in diesem Modell.

Dieses Modell bietet die Chance, in der mittleren Sekundarstufe die Beschäftigung mit metaphorischer Sprache umfassender ins Zentrum des Unterrichts zu stellen und nicht nur als sprachliches Rand- oder Ergänzungsthema (z.B. in Einheiten zur Gedichtanalyse oder zum anschaulichen Erzählen) zu betrachten. Figuratives Sprechen in Form von Tropen wie Metaphern und Metonymien ist eine komplexe sprachliche Leistung: Es gehört zum kreativen Wesen der Sprache selbst, dass sie die Fähigkeit zur Metaphorisierung einschließt, „um immer wieder neue Phänomene benennen zu können (Wurzel 2000, S. 35). Ob in der Alltagskommunikation, Dichtkunst oder in der Wissenschaft: Metaphorische Wörter und Wendungen vermögen durch eine Bedeutungsübertragung konkrete Substantive auf abstrakte (Gefühls-)Zustände, Vorgänge oder Handlungen anzuwenden, indem sie sie plastisch vor Augen führen. Die kognitive Metapherntheorie (vgl. Lakoff/Johnson 2004) argumentiert sogar dafür, dass menschliche Denkprozesse weitgehend metaphorisch ablaufen und Metaphern konzeptuell die Wirklichkeit modellieren. In körperbezogenen Metaphorisierungen zeige sich, wie der menschliche Geist über seine körperlich-sinnliche Wahrnehmung die Realität in bildhaften Raum-Vorstellungen (innen vs. außen; vorn vs. hinten; oben vs. unten) strukturiert. Rhetorisch gesehen stellt eine Metapher eine Art semantischen Regelverstoß gegen den bzw. eine Abweichung von dem eigentlichen, prototypischen Standardgebrauch eines Wortes oder einer Wendung dar und eröffnet dadurch neuartige, uneigentliche Konnotationen (vgl. Kurz 2004).
Dass der Körper häufig als Ausgangspunkt der Metaphernbildung dient, lässt sich in unzähligen Begriffen zu Erscheinungen der unbelebten Natur erkennen wie etwa „Landzunge, „Bergrücken, „Fuß des Berges und „Tischbein sowie Orts- und Modalangaben wie „Kopfende, „Nasenlänge,„Arsch der Welt und „haarscharf oder in Abstrakta wie „Zahn der Zeit und „Auge des Gesetzes. Besonders in der phraseologisch gebundenen Sprache spielen einzelne Körperteile eine auffällige Rolle, worauf groteske Überzeichnungen wie „ein Auge zudrücken, „die Ohren spitzen, „Haare auf den Zähnen haben, „den Mund halten oder „eine lange Nase drehen hinweisen. Solche körpermetaphorischen Redewendungen (Somatismen) gibt es für nahezu alle Körperteile einschließlich der inneren Organe: „Würde man jede Wendung auf eine entsprechende Zeichnung eines Körpers an der richtigen Stelle eintragen, würde man sehen können, dass der Körper übersät ist mit solchen Wendungen (Staffeldt 2009, S. 74).
Die lexikalische Gebundenheit von Wörtern in festen Wortverbindungen gibt Aufschluss über die metaphorische Konzeptualisierung: Wenn ich jemandem „mein Herz ausschütte (um meine Gefühle zu offenbaren), dann zeigt sich erst über das Verb darin die Vorstellung vom Herz eines Behälters, der geleert werden kann. Das Possessivpronomen erlaubt dabei ausschließlich das eigene „Entleeren, d.h. es ist nicht möglich, das Herz eines anderen auszuschütten. An diesem Beispiel sieht man, wie Konzeptualisierungen auf unserer Erfahrung beruhen und wie die Wirklichkeit vom eigenen Körper aus strukturiert wird. Erst grammatische Objekte eröffnen Bezugsgrößen: In der Wendung „jemandem sein Herz schenken wird auf der Symbolebene ganz selbstlos das Zentrum des Menschen seine Lebensenergie, der Sitz seiner Gefühle an eine andere geliebte Person (als Dativobjekt) übertragen.
Nicht zuletzt zeigt sich in Körpermetaphern auch der grammatische Sprachwandel im Prozess der Metaphorisierung: Formulierungen wie „im Hinblick auf und „im Herzen Bayerns weisen als obligatorische lexikalische Elemente...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 267 / 2018

Sprache – Denken – Wirklichkeit

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 7-8