Gesine Magdeburg & Ann Peyer

Sprichwörter und Redensarten gemeinsam erforschen

Gesine Magdeburg & Ann Peyer

Interkulturelles Lernen mit Zweitspachlernern fördert Sprachbewusstheit

In Alltagstexteten, z.B. in der Werbung, werden immer wieder Redensarten und Sprichwörter eingesetzt. Das Spiel mit Phrasemen weckt Interesse und Neugierde für Lernende mit Deutsch als Zweitsprache ist es besonders herausfordernd. Nimmt man deren Beobachtungen und Fragen in den Unterricht auf, entstehen wertvolle Sprachlernanlässe. Sprichwörter als spezielle Phraseme sind im interkulturellen Vergleich besonders ergiebig für gemeinsames Lernen.

Redensarten, Phraseologismen und feste Wendungen/Kollokationen (im weitesten Sinn) sind ein anspruchsvoller und für das sprachliche Handeln wichtiger Teil des verbalen Repertoires. Sie transportieren u.a. sprachkulturell geteiltes Wissen und enthalten sprachliche Besonderheiten und charakteristische Eigenschaften. Das stellt besonders Deutsch als Zweitsprache-Lernende vor ganz spezifische Anforderungen. Gegenüber anderen Wortschatzeinheiten führen bei Phrasemen ihre semantische Komplexität, die textsemantische Vagheit sowie ihr konnotativer bzw. pragmatischer Mehrwert häufig zu einer Expressivitätssteigung (vgl. Stein 2011, S. 259). Solch eine verdichtete Sprache bereitet zwar Schwierigkeiten im Verständnis, bietet aber auch konkrete Chancen und Möglichkeiten für die Begleitung des L2-Erwerbsprozesses und die Gelegenheit, interkulturelle Lernerfahrungen zu thematisieren. Dies betrifft einerseits konkrete syntaktische Strukturen, andererseits aber auch Erkenntnisse über die Besonderheit von Wörtern, die Feilke (2009) als „Sprachmagnete (ebd., S. 7) bezeichnet. Gerade die enge Verbindung von Wortschatz, Grammatik und Textkompetenz ermöglicht, ausgehend vom Thema „Sprichwörter und Redensarten, wertvolleLernanlässe für einen Unterricht, der von unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler geprägt ist.
Im Folgenden soll gezeigt werden, welche Chancen dieses Thema beinhaltet, wenn die Ressourcen der Erstsprachen der Jugendlichen in den gemeinsamen Lernprozess einbezogen werden. Zudem soll dargelegt werden, wie Schülerinnen und Schüler durch Nachdenken und Austausch untereinander für die semantischen Besonderheiten von Sprichwörtern und Redewendungen sensibilisiert werden können und ihr Bewusstsein für sprachliche Ausdrucksmittel wächst.
Wie ist jedoch gemeinsames Lernen möglich, wenn Jugendliche nicht nur ganz verschiedene Her-kunftssprachen haben, sondern aus völlig verschiedenen Schul- und Bildungskontexten kommen und keine gemeinsame schulische Sozialisation teilen?1 Notwendig ist dafür eine Form gemeinsamen Lernens, die auf herausfordernden Fragestellungen beruht und für deren Beantwortung alle Schülerinnen und Schüler etwas beitragen, sodass am Ende ein gemeinsames Produkt stehen kann.
Intention
Das Ziel der Unterrichtseinheit besteht darin, dass die Jugendlichen durch Vergleiche herausfinden, wie unterschiedlich die mit Sprichwörtern verbundenen Wertungen und Konnotationen sind, die in verschiedenen Sprachen als „normal gelten und nicht besonders auffallen s. Tabelle . Gleichzeitig lernen sie gängige deutsche Sprichwörter verstehen und gebrauchen. Das hier vorgestellte Lernangebot wurde für eine Klasse mit über 95 Prozent Deutsch-als-Zweitsprache-Lernenden mit Migrationshintergrund entwickelt. Der Ansatz ist jedoch übertragbar auf andere sprachheterogene Lerngruppen, da er „Anderssein als Voraussetzung und Bedingung jeder Form gemeinsamen Lernens versteht (vgl. Basisartikel).
Die Unterschiedlichkeit beim Lernen der Schulsprache Deutsch berücksichtigt die Lehrerin/der Lehrer beispielsweise bei begleitenden Übungen oder bei der Beurteilung der Schülertexte. Eine besondere Herausforderung für Lehrerinnen und Lehrer besteht darin, auch bei sehr geringen Deutschkenntnissen Ressourcen und Lernpotenzial zu erkennen (in der vorgestellten Unterrichtseinheit v.a. beim Formulieren und Überarbeiten der Texte)....

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 258 / 2016

Gemeinsam lernen – Umgang mit Vielfalt

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 7-9