Ulf Abraham

Kritik üben

Ulf Abraham|Ina Brendel-Perpina

Im Deutschunterricht Kritik- und Urteilsfähigkeit ausbilden

Lernende sollen im Deutschunterricht dazu befähigt werden, einander in Bezug auf sprachliche Äußerungen in Wort und Schrift Rückmeldung zu geben. Damit dies gelingt, muss die Lehrkraft Vorbild für konstruktiv geäußerte Kritik sein. Sprachliche, kommunikative, kognitive sowie soziale Kompetenzen müssen vermittelt werden. Aber auch Wissen, Urteilsfähigkeit und Empathie sind nötig. Der Basisartikel liefert einen Überblick.

Im Deutschunterricht (nicht) geübte Kritik drei Beispiele
In einer Unterrichtseinheit zum kreativen Schreiben in einer 4. Klasse entstehen „Elfchen (elf Wörter in fünf Zeilen). Die Textentwürfe der Lernenden sollen dann im Rahmen einer Schreibkonferenz überarbeitet werden. Diese besteht aber eigentlich nur darin, dass sich alle ihre Texte gegenseitig vorlesen. Schließlich schlägt die Lehrerin vor, die Texte an die Seitentafel zu kleben, sodass im Lauf der nächsten Tage Kommentare dazugeschrieben werden könnten. Mit ganz wenigen Ausnahmen geschieht dies aber nicht.
In einer 6. Klasse stellt ein Schüler sein Lieblingsbuch in einem Kurzreferat vor. Die Vorstellung wird kontrovers diskutiert, weil nicht allen „diese Art Buch (Laura Rubys fantastischer Kinderroman Chroniken von York Die Suche nach dem Schattencode) gefällt; die Lehrkraft beendet diese Diskussionen mit der Bemerkung, über Geschmack könne man nicht streiten. Zur Präsentation sagt sie aber nichts mehr, weil die für das Referat vorgesehene Zeit sowieso schon länger überzogen ist.
In einer 10. Klasse werden materialgestützt Positionen zum aktuellen Umgang der Politik mit dem Klimawandel erarbeitet; es schließt sich die Inszenierung einer Podiumsdiskussion an, in der ausgewählte Lernende verschiedene Rollen besetzen (Schulleiter*in, Schülersprecher*in, Kommunalpolitiker*in, Zeitungsredakteur*in, Vorsitzende(r) des Elternbeirats). Die Inszenierung läuft aber aus dem Ruder, als die „Schülersprecherin sich als Mitorganisatorin des örtlichen Fridays for Future-Schulstreiks outet und rhetorisch so überzeugend agiert, dass „Schulleiter und „Elternbeiratsvorsitzende angesichts wiederholten Szenenbeifalls auf ihre Argumentation einschwenken und es am Ende nur noch eine Position gibt.
Diese Beispiele sollen hier nicht in ihren sehr unterschiedlichen Gegenstandsbezügen diskutiert werden. Es kommt uns nur auf das an, was sie gemeinsam haben: Eine Chance wird vertan, Kritik (im doppelten Sinn) zu üben. Weder wird ein Text oder eine Darstellungsleistung der Kritik unterzogen (wofür Kriterien notwendig wären), noch werden sprachliche Mittel kritischer Auseinandersetzung thematisiert als etwas, was man tatsächlich üben kann. In allen drei Situationen aber läge dies nahe und insofern der jeweilige Unterricht sein Ziel teilweise verfehlt, hat das Scheitern seinen Grund (auch) darin, dass notwendige Kritik ersetzt wurde durch bloßen Austausch von Geschmacksurteilen oder durch scheinbare Einigkeit.
Kritikfähigkeit muss ausgebildet werden, sie ergibt sich nicht von selbst aus kritikwürdigen Äußerungen, Situationen oder Produkten.
Die Fähigkeit, Kritik zu üben und anzunehmen
„Kritik ist, folgt man dem Zeugnis des Grimm'schen Wörterbuchs, nicht mehr und nicht weniger als ein „ausgesprochenes urtheil in „wort oder schrift (vgl. Dawidowski/Wrobel 2013, S. 2) und damit nicht per se etwas Negatives. Dennoch hat das Wort Kritik in der Sprache des Alltags keinen guten Klang. Erfährt man am Arbeitsplatz oder im Sportverein, jemand habe sich kritisch über eine Leistung geäußert, befürchtet man das Schlimmste: Wer will einen da ausbooten oder kaltstellen? Auch öffentliche Äußerungen, in denen Kritik an Personen oder Institutionen geübt wird, werden nicht selten als destruktiv abgetan. Entsprechende Reaktionen laufen dann darauf hinaus, so zu tun, als falle die kritische Äußerung auf den Sprecher zurück (Das sagt er nur, weil ), oder...
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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 279 / 2020

Kritik üben

Methode & Didaktik Schuljahr 5-13