Jürgen Baurmann & Astrid Müller

Gemeinsam lernen

Jürgen Baurmann & Astrid Müller

Der Umgang mit Vielfalt im Deutschunterricht

Die Vielfalt der Dimensionen, die Schülerinnen und Schüler individuell prägt, stellt für den Deutschunterricht Herausforderung und Chance zugleich dar. Sowohl die Orientierung am Lerngegenstand als auch an unterschiedlichen Lernsituationen eröffnen dabei hinreichend Perspektiven für gemeinsames Lernen.

„Die Differenzierung habe ich in meinem Unterricht als große Herausforderung empfunden. Zum einen empfand ich es als schwer einschätzbar, welchem Anforderungsniveau meine erstellten Aufgaben und Arbeitsblätter unterliegen, und zum anderen war es mit sehr viel Arbeit verbunden, für jede Stunde zusätzlich Hilfen und Extraaufgaben zu konzipieren. Den Lehrerinnen und Lehrern an meiner Schule wird in dieser Beziehung insofern Erleichterung verschafft, als es an der Schule eine Koordination gibt. D.h., die Lehrkräfte erhalten am Anfang des Schuljahres sämtliche in ihrem Fach und Schuljahr zu behandelnden Arbeitsblätter und Aufgaben samt Differenzierungsmaterial.
Diese Einschätzung einer Studentin nach ihrem Fachpraktikum illustriert, was viele Lehrerinnen und Lehrer als eine der größten Herausforderungen in ihrem Berufsalltag erfahren: die hohen Anforderungen, die das Lernen in heterogenen Gruppen an ihre diagnostischen und didaktisch-methodischen Kompetenzen stellt. Das Beispiel zeigt auch, wie begrenzt und unbefriedigend die Lösungsangebote zum Umgang mit den heterogenen Ausgangsbedingungen der Lernenden an dieser konkreten Schule und sicher auch anderswo sind:
Vornehmlich nach Anspruchsniveaus differenzierte Arbeitsblätter werden für Fächer und Schuljahre und nicht etwa für Lernende mit ihren individuellen Lernvoraussetzungen und -bedürfnissen in einer konkreten Lernsituation zusammengestellt. Im Extremfall kann der skizzierte unterrichtspraktische Umgang mit den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler darin münden, dass Lernen vorrangig in isolierten Situationen stattfindet und „gemeinsames Lernen darauf beschränkt bleibt, dass es zur selben Zeit im selben Raum stattfindet. Solche Vorgehensweisen zeugen auch von der Ratlosigkeit, die sich bei vielen Lehrerinnen und Lehrern angesichts zunehmend heterogener Lernbedingungen in ihren Klassen einstellt. Das verwundert nicht, fehlen doch weitgehend fachdidaktische Konzepte für gemeinsames Lernen, denn „ein Großteil der Vorschläge rekurriert auf reformpädagogische Konzepte bzw. Verfahren offenen Unterrichts []. Diese Ansätze bearbeiten insbesondere Fragen der Handlungsformen bzw. der Beziehungs- und Sozialstruktur des Unterrichts. Fragen des didaktischen Umgangs mit Lerninhalten und mit den inhaltsgebundenen Lernperspektiven der einzelnen werden hier oftmals weniger genau ausdifferenziert (Seitz 2006, S. 1f.).
Umgang mit Vielfalt Begriffsklärung
Noch weniger überzeugen kann die eingangs exemplarisch zitierte Vorstellung vom Umgang mit heterogenen Lernausgangslagen im Unterricht, wenn wir die Unterschiedlichkeit von Schülern nicht nur im Hinblick auf ihre kognitiven Voraussetzungen betrachten, sondern auch hinsichtlich ihrer sprachlichen und sozialen Fähigkeiten, ihrer körperlich-gesundheitlichen und psychischen Disposition, ihrer jeweiligen Interessen, Neigungen und Leistungsmotivation, ihres Alters und ihres Geschlechts, ihrer ethnisch-kulturellen, religiösen und familiären Prägung sowie der sozialen Lage, in der sie aufwachsen und leben (vgl. u.a. Scharenberg 2013, S. 11ff., Werning/Avci-Werning2015, S. 22f.).
Die Berücksichtigung dieser Formen von Anderssein wird international unter dem Begriff Diversity diskutiert. In Deutschland sprechen wir in pädagogischen Kontexten im Anschluss an die Veröffentlichungen von Prengel eher von der „Pädagogik der Vielfalt (Prengel 1993), in den letzten Jahren von „Inklusion. In diesem Heft werden wir daher Möglichkeiten und Grenzen, die sich für gemeinsames Lernen im Deutschunterricht aus der...

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Fakten zum Artikel
aus: Praxis Deutsch Nr. 258 / 2016

Gemeinsam lernen – Umgang mit Vielfalt

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 1-13